Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 8 (August 1903)
- Article
- Nachklänge zu den Reichstagswahlen
- Date
- 1903-08-01
- Page
- 461 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2316602-2316701-2316709-2331827--11301-2331912- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nachklänge zu den Reichstagswahlen. 461 geben. Das Märchen vom Rituälmord, ein von den Männern der „Staatsbürger Zeitung" bei dem letzten Wahlkampfe wieder weidlich benutzter gangbarer Artikel, hat Herrn Wilhelm Bruhn noch kurz vor dem Antritt der über ihn verhängten Gefängnisstrafe zu einem Mandat verholfen. Das elende Kampfmittel machte auch den direkt von Plötzensee aus in den Wahlkampf gezogenen Knappen Bruhns, den Redakteur O. Böckler, zu einem Volksvertreter. Als schlauer Diplomat und gewiegter Geschäftsmann hatte Bruhn seinen Freund Ahlwardt zu einem Tauschgeschäft bewogen, und Bruhn erwies sich dabei als der klügere. Ahlwardt gab den sicheren Wahlkreis Friedeberg-Arnswalde für den unsicheren Neustettiner Kreis preis, wo seine Niederlage eigentlich vorauszusehen war. Böckler aber ging in den durch die antisemitische Hetze anläßlich des Konitzer Mordes arg unterwühlten Wahlkreis Schlochau-Flatow und gelangte dort schließlich in die Stichwahl mit einem Polen, Dr. von Komierowski, der ihm unterliegen mußte. Daß aber dort ein Mann von dem Kaliber Böcklers, der die jüdischen Wähler noch während des Wahlkampfes aufs heftigste beschimpft und die christliche Bevölkerung gegen die Juden derart aufgereizt hatte, eine Mehrheit von 6000 Stimmen erzielte, kennzeichnet den Kulturzustand jener Gegend. Zu den beliebten Wahlmitteln Zählten denn auch Hepp-Hepp-Rufe, Bekleben der Häuser mit antisemitischen Stempelmarken und Beschreiben mit Schmähworten. An das bekannte Wort „Jedes Land hat die Juden, die es verdient", erinnert die traurige Haltung einzelner jüdischer Wähler in diesem Kreise Schlochau-Flatow. Daß es ihnen als deutschen Staatsbürgern nicht leicht werden konnte, einem Polen ihre Stimme zu geben, mag ihnen zugute gehalten werden; aber der deutsche Stichwahlkandidat hatte ihre Religion beschimpft, indem er sich offen als Ritualmordgläubigen bekannte. Wer sein Vaterland liebt, erblickt in demjenigen seinen Totfeind, der es ihm rauben will; jener Stichwahlkandidat will uns unser Vaterland nehmen, indem er unser Vollbürgertum bekämpft und uns unter ein sogenanntes Fremdenrecht stellen will. Die Vaterlandsliebe muß den jüdischen Deutschen zum Kamps gegen Antisemiten begeistern. Der polnische Gegenkandidat dagegen war gerade in diesem Falle weder ein Feind des deutschen Reiches noch ein Gegner der Gleichberechtigung der Juden, sondern ein Mann von versöhnlicher, jeder extremen Richtung abholden Gesinnung, der ausdrücklich erklärt hatte: „er trete mit aller Entschiedenheit-für die Gleichberechtigung aller Konfessionen ein und werde jeden Versuch bekämpfen, diese zu beschränken". Trotzdem haben Juden aus Furcht vor antisemitischer Rache a la Kischinew die Wahl ihres ärgsten Feindes gefördert. An