Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 8 (August 1903)
- Article
- Nachklänge zu den Reichstagswahlen
- Date
- 1903-08-01
- Page
- 460 (sequence 4)
- Language
- German
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460 Im deutschen Reich. förderten Gerede ein Ende zu machen, daß die Sozialdemokraten sich mit Haut und Haaren dem Judentum verschrieben haben. So stehen die Dinge keineswegs; ein einziges jüdisches Blatt veröffentlichte Artikel eines den deutschen Verhältnissen ziemlich fernstehenden, in der Schweiz lebenden jüdischen Schriftstellers, die selbst von wohlwollenden katholischen Blättern sehr übel vermerkt, aber von den feindselig gesinnten konservativen Blättern als willkommene Beweise für die angebliche Vorliebe der Juden für die „Umsturzpartei" fleißig zitiert worden sind; von dieser einzigen Ausnahme abgesehen ist man in den meisten jüdischen Kreisen keineswegs davon überzeugt, „daß die Sozialdemokratie die einzige politische Partei ist, die sich von konfessionellen Vorurteilen frei hält." In Frankfurt a. M. haben vor den Reichstagswahlen in den sozialdemokratischen Blättern und Versammlungen sogar unverhüllte antisemitische - Kundgebungen stattgefunden; und nach der Stichwahl schrieb die „Frankfurter Zeitung": „Von verschiedenen Seiten ist der Ausspruch gefallen, es würde wohl gelungen sein, bei der Stichwahl für den bürgerlichen Kandidaten (Dr. Ludwig Bruck) den Sieg zu erringen, wenn er nicht Jude, sondern Christ gewesen wäre." Wenn trotz solcher Vorkommnisse von den sozialdemokratischen Abgeordneten zu erwarten ist, daß sie auch künftig bei einzelnen Gelegenheiten für das von den Antisemiten bedrängte Judentum eine Lanze brechen werden, begründet sich diese Erwartung fast nur darauf, daß die Sozialdemokratie grundsätzlich gegen alle Ausnahmegesetze und gegen jede Entrechtung wehrloser Minderheiten Stellung nehmen muß. Aus ähnlichen Gründen kann und wird aber auch das Zentrum keinem Mißbrauche der Gewalt der Mehrheitsparteien Vorschub leisten und insbesondere solche Angriffe abwehren helfen, die sich gegen religiöse Einrichtungen des Judentums richten. Die amtliche Zusammenstellung der antisemitischen und christlichsozialen Wahlstimmen beziffert dieselben auf zusammen 246 948, während 1898 im ersten Wahlgange auf antisemitische Kandidaturen 284 250 Stimmen abgegeben wurden. Die Antisemiten haben also einen Rückgang um 37 302 Stimmen zu verzeichnen. Immerhin ist es betrübend, daß noch immer fast eine Viertelmillion Abstimmender eine Partei unterstützten, die in' politischen und wirtschaftlichen Fragen völlig zerfahren und uneinig austritt, die lediglich durch den Kitt des Hasses und der Mißgunst künstlich zusammengehalten wird. Geradezu beschämend ist es aber, daß sich tausende von Wählern bereit finden ließen, einem Manne von den Anschauungen eines Brnhn ihre Stimme zu