Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 8 (August 1903)
- Article
- Nachklänge zu den Reichstagswahlen
- Date
- 1903-08-01
- Page
- 459 (sequence 3)
- Language
- German
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Nach klänge zu den ReichsLagswahlen. 459 Sachsen „nur eine stolze Säule von der versunkenen Pracht, auch diese schon geborsten, kann stürzen über Nacht." Wenn diese „stolze Säule" den sächsischen Regierungskreisen Freude bereitet hat, kann diese doch nur kurz gewesen sein, denn fast unmittelbar nach jenem Glückwunsch führten die sächsischen Antisewitenführer in einer Versammlung zu Dresden den Erfolg der Sozialisten in 22 sächsischen Reichstagswahlkreisen öffentlich auf allerhand Maßnahmen der Regierung zurück und stellten sich selbst auf die Seite der Opposition. Rechnet man zu den antisemitischen Abgeordneten auch noch den ihnen gesinnungsverwandten Abgeordneten Pauli hinzu, so beziffert sich ihre Zahl immerhin auf ein volles Dutzend. Dazu kommt, daß auch Mitglieder anderer Parteien, insbesondere der agrarischen Richtung, mit dem Antisemitismus liebäugeln und in den Parlamenten ebenso wie im Zirkus Busch insbesondere für die witzelnden judenfeindlichen Ausfälle Liebermann von Sonnenbergs das dankbarste Publikum bilden. Deshalb sind die von dem Dutzend der antisemitischen Reichstagsabgeordneten zu gewärtigenden erneuten Angriffe auf das Judentum garnicht zu unterschätzen und ihre bei den Stichwahlen errungenen Erfolge sehr bedauerlich. Besonders schmerzlich ist dabei, daß das Parlament nahezu „antisemitenrein" sein könnte, wenn nicht aus Furcht vor der Sozialdemokratie zahlreiche Angehörige anderer Parteien für den antisemitischen Kandidaten gestimmt hätten. So haben selbst liberale Wähler in der Wahl zwischen Antisemiten und' Sozialdemokraten für jene gestimmt, so haben bedauerlicherweise selbst Juden in solchem Falle oder dem Polen gegenüber Wahlenthaltung geübt und dadurch die Wahl des Antisemiten gefördert. Ganz ebenso verschmähte auch die Sozialdemokratie solches Paktieren nicht; der durch seine Ritualmord-Norträge in weiteren Kreisen bekannt gewordene Pastor Krösell soll sein Mandat weder seinen großartigen Forschungen über die Verwendung von Blut bei dem Mazze-Backen noch irgend welchen liberalen Helfern verdanken, sondern einem für unsere parlamentarischen Verhältnisse charakteristischen Tauschhandel der Antisemiten mit den Sozialdemokraten, welchen für die Unterstützung der Kandidatur Krösells die antisemitische Begünstigung der Kandidatur Herbert in dem Wahlkreise Stettin zugesagt worden fei. Auch der Antisemit Fröhlich soll im Kreise Ost- und West-Sternberg nur durch den Beistand der Sozialdemokräten durchgekommen sein. In Berlin unterstützte die „Staatsbürger-Zeitung" den Sozialisten. Arons gegen den freisinnigen Kämpf. Diese Vorkommnisse werden hoffentlich dazu dienen, dem besonders von der „Kreuz-Zeitung" ge-