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Im deutschen Reich · 1903-08-01 · Heft 8 (August 1903) · p. 458

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
9 (1903)
Issue
Heft 8 (August 1903)
Article
Nachklänge zu den Reichstagswahlen
Date
1903-08-01
Page
458 (sequence 2)
Language
German
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458 Im deutschen Reich. gespannt, zerspringen muß. Der Bund der Landwirte, der zu seinem Schaden diese Lehre nie beherzigte, hat dadurch neuerdings Niederlagen erlitten, die so empfindlich sind, daß die Antisemiten, welche wie die Ratten das sinkende Schiff verlassen, ihre eigenen, verhältnismäßig gar nicht bedeutenden Verluste der Heeresfolge zuschreiben, die sie bisher den Agrariern geleistet haben. Von der Bundesgenossenschaft mit antisemitischen Strebern hat übrigens jede Partei gleiches erfahren, sodaß es eigentlich wunderbar ist, daß es noch immer ernsthafte Parteiführer gibt, die sich mit solchen unsicheren Kantonisten einlassen. Von den erträumten Erfolgen der Antisemiten ist trotz ihrer mit rücksichtslosester Energie betriebenen Wahlagitation nur ein kleiner Teil zur Wirklichkeit geworden. Die Zahl der antisemitischen Abgeordneten und die Zahl der für antisemitische Kandidaten abgegebenen Stimmen ist gegen früher sogar zurückgegangen. Was sie immerhin erreicht haben, ist nicht die Frucht der Sympathie des deutschen Volkes für antisemitische Ziele und Wege, sondern das Ergebnis der weit verbreiteten Furcht vor der drohenden Uebermacht der Sozialdemokratie, der gegenüber der Antisemit mannigfach als das kleinere Uebel gilt. In Wahrheit ebnet der Antisemitismus die Bahn dem Anarchismus; er predigt den Haß gegen das Kapital in jüdischen Händen, er reizt zur Unzufriedenheit mit der Güterverteilung, zum Mißtrauen gegen die Gesetzgebung und die Regierung, er führt zum Haß gegen das mobile Kapital schlechthin, er ist der Strom, der zum Meere der Anarchie eilt. Diese Erkenntnis dämmert bereits in weiten Kreisen der Konservativen, aber den maßgebenden Personen werden die Augen wohl erst aufgehen, wenn es viel zu spät sein wird. Eine Anzahl der früheren antisemitischen Abgeordneten kehrt diesmal nicht wieder: Ahlwardt, Bindewald, Zimmermann, Gabel, Köster, Lotze, Müller-Nutzhorn, Raab und Vogel fehlen; dafür erscheinen als „neue Männer" der Verleger der „Staatsbürger-Ztg." Wilhelm Bruhn und fein Redakteur Böckler, ferner Pastor Krösell, Amtsrichter Lattmann, Graf Reventlow, Fröhlich-Potsdam und der christlich-soziale Helfer Stöckers, Burkhardt. Wiedergewählt sind die Antisemiten: Liebermann von Sonnenberg, ferner der zum Stäbe der „Staatsbürger-Ztg." gehörige Ludwig Werner und der einzige nicht sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete des Königreichs Sachsen, Gräfe, der für seinen Wahlersolg ein Glückwunschtelegramm seines Landesherrn erhalten hat!! Der Antisemitismus hat in Sachsen sein Werk verrichtet; er hat das Feld so bearbeitet, daß die sozialdemokratische Saat emporsprießen mußte, und nun zeugt in

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