Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1903)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1903-06-01
- Page
- 421 (sequence 12)
- Language
- German
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Umschau. 421 glücklich und noch weit unerquicklicher sind die Verhältnisse in Oesterreich-Ungarn, wo selbst der von den Antisemiten aus den Schild gehobene Oberbürgermeister Wiens, Di-. Carl Lueger, es sich gefallen lasten muß, als Judenschützer angeseindet zu werden, sobald er nicht allen Ansprüchen seiner antisemitischen Anhänger gerecht wird, die dem Grundsätze huldigen: „Dem Sieger die Beute". Daß das gesellschaftliche Leben Wiens unter der schroffen Boykottierung aller, die nicht Zur christlich-sozialen Fahne schwören, leidet, ist nichts neues, aber auch die wirtschaftlichen Verhältnisse verschlechtern sich dabei von Tag zu Tag. Die neueste Errungenschaft Wiens ist ein antisemitischer Aerzteverein, dessen Mitglieder sich verpflichten, Zu Konsultationen nur arische Kollegen zuzulassen, und die Patienten nur an arische Badeärzte zu empfehlen. Auch der Chefarzt der Heilanstalt Alland, Dr. Sorgo, hat den Aufruf des antisemitischen Aerztekomitees mitunterschrieben, obwohl diese Anstalt zum großen Teile aus Beiträgen von Juden errichtet ist. Dr. I. Groß hat kürzlich in den „Mitteilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus" sehr richtig daraufhingewiesen, daß der konfessionelle Hader unter den österreichischen AerztenbereitsvorBegründungdesintolerantenVereins dem medizinischen Ruhm Wiens erheblich geschadet und unseren deutschen Hochschulen zu ungeahnter Blüte verholfen hat. Die Zeiten, wo kein Mediziner Europas, ja der ganzen Welt, sein Studium wirklich vollendet zu haben glaubte, ohne in Wien gewesen zu sein, sind längst vorüber. Es ist kaum zu verkennen, daß auch hieran die antisemitische Bewegung schuld ist, welche auf so vielen Gebieten in Oesterreich den Niedergang verursacht hat." Dadurch, daß dort der von den Klerikalen genährte Religionshaß mehr und wehr von dem Rassenhaß verdrängt wurde, sind die Verhältnisse nicht besser, sondern schlimmer geworden, nicht schlimmer für den glaubenstreuen Juden, aber für das Land, dessen Zerklüftung auf diese Weise noch ärger wird. Wie vorteilhaft sticht gegen die Zustände in Oesterreich die Lage der Juden im Königreiche Italien ab. Als bei der Anwesenheit des italienischen Königspaares in Florenz der dortige Rektor Do. Maguties von dem König in Audienz empfangen wurde, um dem Monarchen ein Memorandum über die Fortschritte und über das Wirken des Rabbiner-Kollegs in Florenz zu überreichen, besprach der König die Lage der Juden in den verschiedenen Ländern. Er hob dabei mit Befriedigung hervor, daß die Lage der Juden in Italien eine bedeutend bessere sei, als in allen Ländern, und daß es sein innigster Wunsch sei, daß dem immer so bleibe. Der König entließ den Rabbiner, indem er ihm seine Zufriedenheit über dessen Wirken