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Im deutschen Reich · 1903-06-01 · Heft 6-7 (Juni 1903) · p. 422

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
9 (1903)
Issue
Heft 6-7 (Juni 1903)
Article
[Ohne Titel] / A. L.
Date
1903-06-01
Page
422 (sequence 13)
Language
German
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422 Im Deutschen Reich. aussprach. Und wie der Herrscher Italiens, so denkt auch das italienische Volk in seiner Mehrheit, dessen Entrüstung über die Ostergräuel in Kischinew seine ohnehin große Abneigung gegen das autokratische Regiment in Rußland derart gesteigert hat, daß der Präsident des italienischen Parlaments Mühe hatte, verletzende Aeußerungen niederzuhalten, die sich aus den bevorstehenden Besuch des Zaren in Rom bezogen. Auch die Beziehungen des russischen Reiches zu anderen Staaten sind durch den offenkundigen Rückfall in mittelalterliche Barbarei ungünstig beeinsiußt worden. In Frankreich und Bellgien sind vielfache Proteste gegen diese Metzeleien in Rußland laut geworden, und in den Vereinigten Staaten von Amerika haben zu diesem Zweck zahlreiche Entrüstungsversammlungen stattgefunden. Der russische Botschafter in Washington, Graf Cassini, versicherte dem Staatssekretär Hay, die russische Regierung habe Schritte getan, um die Wiederholung von Unruhen wie in Kischinew zu verhindern, weshalb das Kabinett von Washington zunächst von einer Kundgebung Abstand nahm, wie solche seiner Zeit gegen Rumänien für nötig befunden worden ist. Sollte aber die bevorstehende massenhafte Einwanderung flüchtiger russischer Juden der amerikanischen Regierung ernste Sorgen bereiten, dann wird sie sich nicht abhalten lassen, mit Rußland einmal auch „rumänisch" zu sprechen. Die daraus gefaßte russische Regierung hat deshalb das Ersuchen des Grafen Cassini um Ferien vom 26. Juni ab abgelehnt und ihn angewiesen, seine Ferien zu verschieben. Judenverfolgungen sind stets Anzeichen ernstlicher staatlicher Krankheiten; denn zu allen Zeiten suchte man den Unmut der Bevölkerung über ernste Mißstände aus die zu „Prügelknaben" gemachten Juden abzulenken. Ein zufriedenes Volk ist freundlich gesinnt gegen Andersgläubige, und diese Duldsamkeit und Verträglichkeit erhöht die Volkswohlfahrt. Für das neuerstandene deutsche Reich ist hoffentlich der Antisemitismus nur eine böse Kinderkrankheit gewesen und werden die jetzigen Wahlkämpfe sich nur als eine heilsame Krise erweisen, der die Genesung folgt. Noch aber gilt das Wort Uhlands: Des Bösen Freunde trotzen schon, Sie lachen hämisch, sprechen Hohn. Die Guten stehen ernst und still Und harren, was da werden will. Doch rauscht es schon im goldnen Licht: Der Herr verläßt die Seinen nicht!

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