Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1903)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1903-06-01
- Page
- 420 (sequence 11)
- Language
- German
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420 Im deutschen Reich. der nicht mit ihnen durch dick und dünn geht. So stempelt die „Staatsbürger - Ztg." ohne weiteres die Nationalliberalen schon deshalb zu Judenschützern, weil der in Dortmund wieder kandidierende Abg. Hilbck öffentlich erklärt hat, es offen zu bekennen, daß er alle Bestrebungen, die Rechte der Juden zu verkürzen, verabscheue und die Meinung hege, daß der Antisemitismus den Neid und den Haß zur Ursache habe, eine Anschauung, die auch der nationalliberale Kandidat für den Wahlkreis Schlochau-Flatow, Justizrat Wagner wahrend des Wahlkampfes kundgegeben hat und welche in dem Wahlaufrufe seiner Anhänger fast amt den Worten Hilbcks zum Ausdruck gelangte. Uebrigens haben auch einzelne konservative Kandidaten vor der Wahl sehr entschieden gegen den Antisemitismus Stellung genommen. So gab der konservative Oekonomierat Waltzer z. B. auf eine Anfrage der Liberalen in Neumark unumwunden die Erklärung ab, daß er für die volle Gleichberechtigung aller Staatsbürger jeglichen Bekenntnisses sei. Wenn der Zorn der Antisemiten sich trotzdem besonders gegen den Abg. Hilbck richtete, hat dies seinen besonderen Grund. Er ist der Gesinnungsgenosse und im Wahlkreise Dortmund der Nachfolger des jetzigen Ministers Möller, dem es die „Staatsbürger-Ztg." nicht vergessen kann, daß er in den neunziger Jahren gelegentlich einer Wahlrede die Aeußerung fallen ließ, „der Antisemitismus sei eine -Pestbeule am nationalen Körper". Das Antisemitenblatt schreibt: „Er erhielt dafür allerdings die Quittung. Die Antisemiten enthielten sich der Wahl, der Wahlkreis fiel dem Sozialdemokraten Lütgenau mit 60 Stimmen Majorität zu. Das war die Quittung für die „Pestbeule" des langen Möller. Daß derselbe Herr Möller, der damals den Nationalliberalismus in so eigenartiger Weise betätigte, unter Bülow ins Ministerium berufen werden konnte, ist bezeichnend für die heutige innere Lage." Wenn diese innere Lage des deutschen Reiches die Antisemiten nicht befriedigt, so zeigt dies, wie anspruchsvoll diese Herren sind, denen besonders die Verwaltung Zugeständnisse gemacht hat, die man vor einigen Jahrzehnten nicht für möglich gehalten hätte. Es zeugt aber auch dafür, daß ihnen die Partei höher steht als das Vaterland, ihr SonDerinteresse höher als die allgemeine Volks Wohlfahrt. Das deutsche Volk hat gewiß keinen Grund, Neid auf diejenigen Staaten zu haben, in denen die Judenfeinde am Steuerruder stehen. Die Zustände im Königreich Sachsen, wo zwischen der großen Mehrheit der protestantischen Bevölkerung und der durch Zuzug von czechischen, polnischen und italienischen Arbeitern sich rasch vergrößernden katholischen Minderheit die Kluft fast täglich erweitert, sind z. Z. gewiß nicht er-