Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1903)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1903-06-01
- Page
- 414 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2316602-2316701-2316708--11184-2331752- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
414 Im deutschen Reich. weit mehr anarchistisch veranlagten Antisemiten Wilhelm Bruhn den Steigbügel hielten! Wie ist von den Tivoli-Konservativen der ehemalige Hosprediger Stöcker trotz aller seiner Seitensprünge verhätschelt worden, und wie wenig ziehen sie daraus eine Lehre, daß er ihrer schon oft spottete und ihnen jetzt in öffentlichen Versammlungen mit Entschiedenheit die Fähigkeit abspricht, „die Interessen der industriellen Arbeiter, sowie der kleinen Leute Zu vertreten!" Dies hat er erst kürzlich, nach einem Berichte der „Neuen Wests. Volkszeitung" in einer christlich-sozialen Versammlung in Petershagen getan und dann hinzugefügt, „er sei nie konservativ gewesen und ausgetreten, deshalb auch im „Abgeordneten- Almanach" stets als christlich-sozial ausgesührt worden". Ueber dieses offene Bekenntnis des antisemitischen Schoßkindes der „Tivoli- Konservativen" ist selbst der fromme „Reichsbote," der sonst nie etwas auf seinen Stöcker kommen ließ, empört. Das konservative Blatt weist daraus hin, daß Stöcker lange Jahre nicht nur Mitglied der konservativen Fraktion, sondern auch des Elfer-Ausschusses gewesen sei und das Parteiprogramm mit ausgearbeitet habe. Die christlich-soziale Partei habe er stets als ein Glied der konservativen Partei bezeichnet, wodurch ihm auch die Zugehörigkeit zur konservativen Partei möglich wurde. Die „Kreuzztg." fertigt Herrn Stöcker ähnlich ab und macht darauf aufmerksam, daß Herr Stöcker sich in verschiedenen Abgeordneten- Almanachen als „konservativ, christlich-sozial" bezeichnet habe. Trotzdem es in diesem Falle die Konservativen am eigenen Leibe erfahren, wie genau es Herr Stöcker mit der Wahrheit zu nehmen pflegt, werden sie doch wieder begeistert auf seine Worte schwören, weil sie in ihren eigenen Reihen begabte Leute, die ihnen ein Parteiprogramm ausarbeiten könnten, schwerlich finden dürften. Zehren sie doch heute noch an dem von dem Ueberläufer Stahl, früher Schlesinger, ihnen hinterlassenen, aber von dem christlichen Kirchenrechtslehrer Professor Sohm und anderen Autoritäten längst widerlegten programmatischen Satze des sogenannten „christlichen Staates" und betreiben im übrigen eine Standes- und Jnterefsenpolitik, die sie bald der Regierung, bald den Agrariern, den Antisemiten oder mitunter auch dem Zentrum näher bringt oder wieder entfremdet, je nachdem man von irgend einer Seite einen Nutzen zu ziehen hofft. Den Mangel an Idealismus muß auch bei den diesen Konservativen nahestehenden Politikern die hohle Phrase decken, die bei dem jüngsten Wahlseldzuge besonders in den Versammlungen der konservativ-antisemitischen Koalierten weidlich benutzt wurde, um die Blöße