Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1903)
- Article
- Das Trauerspiel von Kischinew
- Date
- 1903-06-01
- Page
- 392 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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392 Im deutschen Reich. geschlossen. — Daß am 17. Juni Kruschewan von einem jüdischen Studenten aus Kiew mit einem Messer am Halse verwundet wurde, hat dem gefährlichen Judenfeind und seinem Blatte sicher eher genutzt als geschadet. Ungehindert treibt auch die deutsche Antisemitenpresse das Unwesen weiter, ihre Leser glauben zu machen, daß die in Kischinew an armen mittellosen Juden, die sich keinen Schutz erkaufen konnten, von einem sanatisierten Gesindel verübten Grausamkeiten nichts weiter gewesenseien, als Akte der Notwehr gegen schamlose Ausbeuter. Die „Staatsbürger-Ztg.", die in der ,,Irreführung der öffentlichen Meinung" selbst der „Schlesischen Zeitung" und der „Kreuz-Ztg." den Rang abläuft, stellt in einem „Irreleitung des Wohltätigkeitssinnes" überschriebenen Artikel folgende ungeheuerliche Behauptungen aus: „Wahr ist, daß das revolutionäre Judentum, insbesondere die jüdische Studentenschaft, im stillen die Bevölkerung gegen die Behörden aufgehetzt und damit Unruhen hervorgerufen hat, daß also die jüdische Bevölkerung die Saat erntet, die sie ausgestreut hat. Wahr ist ferner auch, daß mindestens ebenso viele Christen niedergemetzelt und an Hab und Gut geschädigt sind wie Juden. Wenn die deutschen Juden jetzt für ihre Stammesgenossen Sammlungen veranstalten, so ist das ihre Sache, wenn aber auch Christen nur für die russischen Juden sammeln, also die dortigen Christen hilflos lassen und der Ausbeutung der Juden auch fernerhin preisgeben, so liegt darin eine Irreleitung des Wohltätigkeitsdranges der christlich-deutschen Bevölkerung." Es genügt wohl, diese journalistische Leistung niedriger zu hängen, um sie der Beurteilung preiszugeben, die sie verdient. Den Anlaß zu dieser für das Blatt Bruhns charakteristischen Aeußerung hat die gewiß von jedem Menschenfreund als erfreulich angesehene Tatsache gegeben, daß unter der Einladung zu einem am 26 Mai in Luckenwalde zum Besten der schändlich beraubten jüdischen Einwohner Südrußlands veranstalteten Wohltäligkeirskonzerts sich die Namen angesehener Christen befanden, der Herren Superintendent Breithaupt, Pfarrer Eilers, Sanitätsrat Dt. Günther, Professor Dr. Ritter, Stadtverordnetenvorsteher Schlee, Bürgermeister Suchsland u. a. m. Glücklicherweise stehen diese wackeren Männer nicht vereinzelt da; auch anderwärts fühlen sich deutsche Christen gedrungen, öffentlich zu bekunden, daß ihre Sympathien nicht den südru fischen Mordbrennern, sondern den bedauernswerten Opfern verführter Fanatiker gelten. So haben der Großherzog von Hessen und mehrere Angehörige des bayerischen Königshauses durch namhafte Spenden ihre Teilnahme für die unglücklichen Juden in Kischinew bekundet. Der „Hamburger