Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1903)
- Article
- Das Trauerspiel von Kischinew
- Date
- 1903-06-01
- Page
- 393 (sequence 11)
- Language
- German
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Das Trauerspiel von Kischinew. Korrespondent" veröffentlicht nachstehende Zuschrift eines der geachtetsten christlichen Rechtsanwälte Hamburgs: „Ein Ausruf, der non einer Reihe angesehener jüdischer Mitbürger unterzeichnet ist, wendet sich an „edle M e n s ch e n" mit der Bitte, zur Milderung der Notlage schwer betroffener Juden in Kis ch in e w beizutragen. In den Tagesblättern des letzten Sonntags erschien das erste Gabenverzeichnis, und mit Beschämung müssen wir bekennen, daß der Aufruf anscheinend nur (oder mindestens fast um) Lei Juden Gehör gesunden hat. Und dies bei uns in Hamburg, wo es keine wohltätige Veranstaltung — es sei denn eine solche, die ausschließlich christliche Kultuszwecke betrifft — gibt, bei welcher nicht ein erheblicher Teil der Gaben, wenn nicht der größere, von unseren jüdischen Mitbürgern beigesteuert wird! Handelt es sich hier denn um eine ausschließlich jüdische Angelegenheit? Doch wohl nur insoweit, als die Juden in Kischinew ihres Glaubens und ihrer Raffe wegen verfolgt wurden. Sind sie deswegen als schwer heimgesuchte Menschen der Unterstützung anderer weniger bedürftig oder würdig? Nach Meinung des Unterzeichneten fordert gerade diese Tatsache die Hilfe nichtjüdischer Kreise heraus; denn die verblendeten Verfolger jener Unglücklichen sind — leider — unsere eigenen Glaubensgenossen! In den Kirchen soll e man sammeln, um wenigstens einen Teil des hierdurch verschuldeten Elends wieder gut zu machen, und dadurch gleichzeitig der weiteren Verbreitung judenhetzender Ideen entgenzutreten. Die Zurückhaltung christlicher Gaben in. diesem Falle könnte aussehen wie eine stillschweigende Billigung des furchtbaren Verbrechens, oder als ob man sagen wollte: „Ihr Juden habt Geld genug, helft Euch alleirT. Selbstverständlich ist dies nicht die Meinung. Aber man meide auch den bösen Schein und lasse die sonst stets bewährte hamburgische Wohltätigkeit nicht umkehren vor der Schwelle der Juden! Dr. H. Baggeck Angesick-ts der traurigen Haltung zahlreicher deutscher Kreise welche die Schilderungen der russischen Greuel für übertrieben halten oder gar den judenfeindlichen Darstellungen Glauben schenken, daß die so grausam Hingemorderten ihr Los durch eine hartherzige Ausbeutung von Arbeitern und Landleuten verdient hätten, sind die oben mitgeteilten Kundgebungen humanen Mitgefühls das beste Mittel, der Glauben an die Menschheit aufrecht zu erhalten. Die Einmischung fremder Staaten in innere russische Angelegenheiten ist selbsterständlich nicht möglich, und wenn sie möglich wäre, würde sie den seckst Millionen Juden, die in Rußland leben, nur zum Unheil gereichen Im österreichischen Abgeordnetenhaus richteten die Abgg. Ofner