Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1903)
- Article
- Das Trauerspiel von Kischinew
- Date
- 1903-06-01
- Page
- 391 (sequence 9)
- Language
- German
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Das Trauerspiel von Kischinew. 391 übrigen Angaben jenes Artikels. Das Frankfurter Blatt weist darauf hin, daß jetzt alle Antisemitenblät-er im Bunde mit dem Minister Plehwe die Borgänge in Kischinew als Ausbrüche einer allgemeinen revolutionären Bewegung hinstellen: Zu ihrer und der russischen Regierung Entlastung und zur Rechtfertigung der Unterdrückung jeder freiheitlichen Bewegung. Mittlerweile hat Herr von -Plehwe sich doch dazu Lequemt, auch der „Snamja" eine Verwarnung Zu erteilen. Der Minister empfing, wie der „Times" gemeldet wird, am 24. d. M. die Deputation der Juden ans Kischinew, die der Negierung ihre Klagen vortragen wollten. Die Delegierten sollen von der großen Freundlichkeit des Ministers und von der Aufmerksamkeit, mit der dieser ihre Klagen und Bitten anhörte, außerordentlich angenehm berührt worden sein. Der Hauptinhalt des Verhandelten wird geheim gehalten, aber man erfährt doch, daß die Deputation dem Minister erklärte, es sei notwendig, daß dieser in nicht mißzuverstehender Weise die Vorkommnisse und die antisemitische Agitation mißbillige. Die Deputation protestierte ferner gegen die Veröffentlichung im „RegierungsboLen", da durch dieselbe im Widerspruch mit den Tatsachen versucht werde, die Juden für die Vorkommnisse verantwortlich Zu machen. Herr von Pwhwe erklärte, daß er sich nicht in einer neuen Veröffentlichung widersprechen könne, daß er aber versuchen werde, es durchaus klar zu machen, in wie hohem Maße die Regierung mit den Duldern von Ktschincw sympathisiere. Der Minister erinnerte die Deputation daran, daß er den Gouverneur von Bessarabien und den -Postzeiches bereits abgesetzt habe. Mehr könne man kaum verlangen. Die Delegierten wiesen aber daraufhin, daß unter den städtischen Beamten Männer seien, deren Verschulden noch größer wäre, als das des Gouverneurs, und sie sprachen die Hoffnung aus, daß der Minister den ganzen Beamtenstand in Kischinew einer eingehenden Veränderung unterziehen werde. Sie erklärten es auch für durchaus erforderlich, daß der antisemitischen Agitation der Presse entgegengetreten werde, und erwähnen die Zeitungen „Snamja" und „Bessarabez" als die Hauptsünder in dieser Beziehung. Der Minister zeigte sich bereit, in diesem Punkte aus die Wünsche der Deputation einzugehen, und tatsächlich tft die Petersburger antisemitische Zeitung „Snamja" mit Ausnahme der für die festen Subskribenten bestimmten Exemplare, verboten worden. Man hat also in üblicher Weise den Brunnen Zugedeckt, nachdem das Kind darin ertrunken ist. Der Minister von Plehwe erklärte neuerdings, er halte infolge der jugendlichen Tatkraft des neuen Gouverneurs von Bessarabien, Prinzen Urusew, eine Wiederholung der verabscheuungswürdigen Vorgänge, deren Schauplatz Kischinew gewesen, für aus-