Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1903)
- Article
- Das Trauerspiel von Kischinew
- Date
- 1903-06-01
- Page
- 390 (sequence 8)
- Language
- German
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390 Im deutschen Reich. einem neuen Angriff der antisemitischen Presse geben könnten. Und doch hat sie einen neuen Angriff unrernommen. Es hat sich eine völlige geistige Gemeinbürgschaft zwischen einigen (glücklicherweise wenigen) Vertretern der Presse und dem rohen Pöbel erwiesen, der am 19. und 20. April in Kischinew ungehindert gewütet hat. Es hat sich eine schamlose Feder gesunden, die sich nicht entblödete, folgende wirklich schändlichen Worte niederznschreiben: „So sind die Juden immer: erst fordern sie Lurch ihre Schändbchkeiten heraus und dann jammern sie und rufen das Mitleid der Gesellschaft an." Nabokoff meint die „Snamja", die vom Leiter des Kischinewer „Bessarabez" in Petersburg herausgegeben wird; die deutsche „Staatsbürger-Ztg." und andere deursche Antisemitenblatter scheint er nicht zu lesen, denn sonst hätte er diesen Aehnliches vorwerfen können! Solcher Tadel berührt die russischen Regierungskreise, welche den auch anderwärts mißglückten Versuch, den Antisemitismus gegen den Liberalismus auszuspieleu, für den Gipfel staatsmännischer Weisheit halten, auf das Unangenehmste. Ter Petersburger Korrespondent der „Times" ist vermutlich wegen seiner ungeschminkten Berichte über die Judenmißhandlungen aus Rußland ausgewiesen worden und konnte nur durch Vermittlung dev englischen Botschafters eine Frist von drei Tagen zur Ordnung ferner Angelegenheiten erlangen. Außerdem wurden im Petersburger „Rogieruugsboten" offiziös die Meldungen ausländischer Blätter, der Minister des Innern v. Plehwe habe den Gouverneur von Bessarabien auf.wfordert, ein Mittel ausfindig zu machen, um etwa ansprechende Unruhen unverzüglich aus dem Wege der Ermahnung zu unterdrücken, ohne jedoch zu den Waffen seine Zuflucht zu nehmen, als erfunden bezeichnet. Ferner ermöglichte man es, in einem liberalen deutschen Blatte einen Artikel „Die Wahrheit über die Kischiuewer Krawalle" zu veröffentlichen, wonach letztere einen allgemeinen revolutionären Charakter gehabt haben und nicht speziell judenfeindlich gewusen sein. Nach Mitteilungen, die der „Frankfurter Ztg." von uNAll fähigen Personen zugingen, die sich an Ort und Stelle unterrichtet haben, find die Behauptungen, auf die sich der Artikel stützt, durchaus falsch. Es wurde u. a. in dem Artikel Hervorgeboben, daß auch im Palast des Gouverneurs die Fensterscheiben zertrümmert seien. Tatsächlich ist in der Kanzlei des Gouvernements, die sich über einem j Wischen Geschäfte befindet, eine Fensterscheibe zerschlagen worden. Weiter war in dem Artikel angeführt, das Haus des AdelsnmZchalls Kruzsenski fei völlig demoliert und das Dach abgedcckr worden. Tatsächlich ist dieses Haus völlig unberührt geblieben. AchuUch verhält es sich auch mit den meisten