Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1903)
- Article
- Das Trauerspiel von Kischinew
- Date
- 1903-06-01
- Page
- 389 (sequence 7)
- Language
- German
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Das Trauerspiel von Kischinew. 389 unser Volk zu einem solchen, noch nie dagegewesenen Krawall auf- Machelt haben." Er hat aber am 5. Juni diese Kundgebung in einem offenen Briefe widerrufen, angeblich, weil ihn „eine ehrwürdige Person" überzeugt habe, daß die Juden zu Ausschreitungen provoziert butten. Wer diese ehrwürdige Person war, ist nicht schwer zu erraten! — Dem Blatte „Ravosti" sandte der frühere Rektor der Petersburger Universität, Proseffor Wesselowski einen Protestartikel Zu, in dem er seine Entrüstung über die Judenmetzeleien in Kischinew u. a. folgenden Ausdruck lieh: „Ich schäme mich, obwohl ich selbst nicht geraubt, nicht Seelen hingemordet, nicht .Körper abgeschlachtet und kleine Kinder gemartert habe. Ich schäme mich, obwohl ich stets für alle anderen Nationen im allgemeinen, für die Juden im besonderen plaidierte. Ich schäme mich, während ich in den Zeitungen die Beschreibungen von den wilden Barbareien, die an das Mittelalter mit seinen Mördereien erinnern, lese — oder wenn ich einem Juden begegne, welcher in dem grausamen Kischinewer Gemetzel gar seinen Bruder, Vater oder seine Schwester verloren haben könnte. Ich schäme mich, daß ich ein Russe bin, ein Vorsteher der russischen Gesellschaft, und ich begreife, daß die häßlichen Vorgänge einen jeden von uns abschrecken. Ja, Alle sind wir aus die eine oder andere Weise schuldig an dem, was geschehen ist, weil wir gegen den wilden Menschenhaß nicht angekämpst habend So denken und empfinden alle intelligenten Russen, die nicht von dem Bann befangen sind, der gewisse russische Beamtenkreise gefangen hält und das Wort eines geistreichen Franzosen rechtfertigt: „Kratzt die russische Tünche ab und Ihr werdet einen Kosaken finden! Daß dort wo Rechtsgefühl vorhanden ist, das Treiben dieser Kosaken aufs schärfste verurteilt wird, beweist auch eine Aeußerung der russischen juristischen Wochenschrift Nabokoffs „Prowo" (Das Recht) über die Judenhetze in Kischinew. Der Minister von Plehwe erachtete es für nötig, diesem ernstwissenschaftlichen Blatt für den erwähnten Artikel eine Warnung zu erteilen. Angenehm konnte es ihm freilich nicht sein, daß in einer von dem Sohne eines früheren russischen Fustizministers redigierten Zeitschrift zu lesen war: „Die Behörden baben erst dann „ihre Pflicht erfüllt", als es nicht mehr nötig war. Wir wissen nicht, ob man sie zur straf- und zivilrechtlichen Verantwortung ziehen wird: die moralische Verantwortlichkeit vor der Gesellschaft und der Geschichte können sie aber nicht von sich abwälzen, auf innen liegt die schreckliche Gewissenslast vernichteter Menschenleben und zu Grunde gerichteter Familien. Man war nicht darauf gefaßt, daß die schrecklichen Bluttaten der Judenhetze in Kischinew Anlaß zu