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Im deutschen Reich · 1903-06-01 · Heft 6-7 (Juni 1903) · p. 388

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
9 (1903)
Issue
Heft 6-7 (Juni 1903)
Article
Das Trauerspiel von Kischinew
Date
1903-06-01
Page
388 (sequence 6)
Language
German
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388 Im Deutschen Reich. Arbeiterpartei, unter der sich auch Juden befinden, soll gespalten werden, indem die Rechtgläubigen gegen die Juden ausgespielt werden, die Unzufriedenheit der hungernden Massen soll auf die Juden abgelenkr werden, und der Kaiser soll in der Ueberzeugung verbleiben, daß bei den Zuständen des Reichs, wie sie sich vor seinen Augen abspielen, daß im Augenblick barbarischer Ausschreitungen irgend welche politische Aenderungen, wie sie die gebildete Bevölkerung wünscht, ein Ding der Unmöglichkeit wären. Das Volk sei hierfür nicht reif." Diese verwerfliche Politik wird sich selbstverständlich rächen; sie erfüllt schon jetzt alle liberalen christlichen Elemente Rußlands mit tiefem Abscheu. In einem Privatbriefe des Grafen Leo Tolstoi sagte dieser hervorragendste Repräsentant des russischen Geisteslebens: „Die Kischinewer Gewalttat ist eine direkte Folge der Lüge und Vergewaltigung, die mit solcher Spannkraft und Beharrlichkeit von der russischen Regierung geübt wird. Das Verhältnis der Regierung zu diesem Ereignis ist nur ein neuer Beweis ihres groben Egoismus, der vor keiner Grausamkeit zurückschrickt, wenn es sich um die Unterdrückung einer ihr gefährlich erscheinenden Bewegung handelt, und ihrer völligen Gleichgültigkeit gegenüber den schrecklichsten Greueltaten, falls diese ihre Interessen nicht berühren." — In einem Schreiben des bekannten russischen Dichters Maxim Gorki heißt es: „In den letzten Jahren ereignen sich immer häufiger in unserem Lande Dinge, die es mit Schmach überdecken, das Schmachvollste aber, das unser Entsetzen, unsere Scham und Empörung hervorruit — das ist das schreckliche Judenmassacre Zu Kischinew. Wer trägt an diesem gemeinen Verbrechen, das sich auf uns alle wie ein blutiger Fleck legt, die Schuld? — die Schuld an dieser Befleckung, die auch Jahrhunderte von der traurigen Geschichte unseres finstern Landes nicht wegwischen werden? An der schmachvollen und schaudererregenden Tat, die in Kischinew vollbracht wurde, ist unsere intelligente Gesellschaft nicht minder schuld, als die aktiven Mörder und Vergewaltiger. Die russische Gesellschaft muß, um einen Teil der Schmach und Scham von ihrem Gewissen zu nehmen, den beraubten und verwaisten Juden Zu Hilfe kommen, diesen Angehörigen einer Nation, die der Welt so viele wahrhaft große Männer gab und die — trotz des Entsetzens und des Drucks ihrer Lage in der Welt — noch immer Lehrer der Wahrheit und Schönheit hervorzubringen fortsetzt." — Der in Rußland wie ein Heiliger verehrte -Priester Johann von Kronstadt erließ in den „Nowosti" ein Sendschreiben, in dem er die Metzeleien von Kischinew verurteilte und sagte: „Hier ist die Einwirkung außenstehender übelgesinnter Menschen unverkennbar, welche

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