Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1903)
- Article
- Das Trauerspiel von Kischinew
- Date
- 1903-06-01
- Page
- 387 (sequence 5)
- Language
- German
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Das Trauerspiel von Kischinew. 387 Plünderer auf sich Zu Ziehen. Die Zahl der Personen, die nur mittelbar von den Ausschreitungen betroffen wurden, ist auf 20 000 zu schätzen. Sie sind dadurch geschädigt, daß sie ihre Erwerbsquellen — sei es als Arbeitgeber, sei es als Arbecknehmer — verloren haben. Die Geplünderten gehören zum ganz überwiegenden Teile den allerärmsten Schichten der Bevölkerung an. Der jüdische Mittelstand ist schon weniger hart betroffen worden, und säst unberührt blieben die reichen Juden, die nunmehr ihrerseits durch aufopfernde Hilfe für die Geschädigten zu sorgen suchen. Soweit sich dies bisher überblicken läßt, wird die HilfsLätigkeiL sich vor allem nach zwei Richtungen hin erstrecken müssen. Für die Arbeitsfähigen müssen neue Erwerbsquellen geschaffen werden, Arbeitszeug u. s. w., und die Erwerbsunfähigen müssen derart untergebracht werden., daß sie dm schlimmsten Bedrückung entrückt sind. Soll eine starke Auswanderung der Juden vermieden werden — und darauf muß nach Lage und Verhältnissen hingearbeitet werden — so wird es nach den Berichten, die der Hilssverein der deutschen Juden erhalten hat, notwendig sein, mit äußerster Beschleunigung die Wohltätigkeitsaktion, die in Kischinew bisher nur geübt werden konnte, durch eine wohldurchdachte Aktion zur Wiederaufrichtung der wirtschaftlich ruinierten Existenzen zu ersetzen". Inzwischen haben in Kischinew einige Gerichtsverhandlungen gegen Personen stattgefunden, in deren Wohnungen Gegenstände entdeckt wurden, die bei Juden während der blutigen Krawalle geraubt worden waren. Es sind aber im ganzen Lus jetzt 62 Personen zu Gefängnisstrafen von 14 Tagen bis drei Monaten verurteilt worden/ und diese milde Bestrafung gräßlicher Untaten ist nur geeignet, den Uebermut des Janhagels zu steigern und den Haß gegen die Juden aufs neue zu entflammen. Bon diesem Haffe giebt ein neuerdings in Kischinew verbreitetes Flugblatt Zeugnis, das die während der Osterfeiertage staltgefundenen Bestialitäten in Schrtz nimmt und einen förmlichen Kreuzzug gegen die Juden predigt, ohne daß auch nur mit einem Worte irgend ein Grund für diesen Haß angegeben wird. Die russischen Machthaber sind von dem Vorwurf nicht freizusprechen, diesen Geist großgezogen Zu haben, und daß sie, nachdem das Unglück geschehen, das Zu verhindern für sie ein Kinderspiel gewesen sein würde, krampfhaft versuchen, die Welt über den Umfang der Katastrophe und ihre eigene Mitschuld durch allerlei sophistische Spiegelfechtereien Zu täuschen. Ein Berichterstatter der „Frankfurter Zeitung" erklärt dieses Verhalten in nachstehender Lllise: „Das Interesse der Bevölkerung soll durch Judenkrawalle von der Erörterung, wahrhaft brennender politischer Fragen abgelenkt werden. Die unruhige