Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1903)
- Article
- Das Trauerspiel von Kischinew
- Date
- 1903-06-01
- Page
- 386 (sequence 4)
- Language
- German
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386 Im deutschen Reich. Weitere Subventionierung soll nur dadurch verhindert worden sein, daß der Minister Witte erklärte, daß Staatsgelder für diesen Zweck nicht zur Verfügung ständen. Das Jv:rillten der russischen Regierungsbeamten während der Kijchiuewer Judenverfolgung war so seltsam, daß die Erzedenten in dem von den Anstrstern verbreiteten Wahn bestärkt werden mußten, daß die Mißhandlungen der wehrlosen jüdischen Minderheit der Regierung erwü> fäll seien. Es steht fest, daß in Kischinew unmenschliche Henker von niemanden gehindert, von den Behörden und der brutalen Soldateska mit verständnisvollem Augenzwinkern ermuntert, wehrlose Menschen hinschlachteten, Frauen und Mädchen mißhandelten, die Tobten verstümmelten, die Häuser der Ermordeten oder in die Flucht Gehetzten plünderten und bestialische Orgien aller Art feierten. Wie der „Nation" berichtet wurde, fuhr Ustruga während der Krawalle in der Stadt umher, um die Ostervisiten zu erledigm. Als einige unglückliche Juden sich seiner Equipage in den Weg stellten und ihn um Hilfe anflehten, ließ er sie wegjagen, rief auch selbst dabei: „Scheert euch weg, Juden!" Die Polizeibeamten folgten dem Verspiele des Vizegouverneurs. Viele aber gingen noch weiter und Zeigten dem Pöbel an, wo die jüdischen Häuser sich befänden. Die Ansammlungen von Juden zur Selbstverteidigung wurden auseinander getrwben, die christlichen Raufbolde aber nicht im geringsten belästigt und nur von Zeit zu Zeit freundlich ermahnt: „Run ist es hier genug; Brüder, geht jetzt weiter!" Das Gesindel, das den Krawallen mit großem Interesse und Sympathien zusah, rief diesen PolizeVeamten ein lautes „Bravo" zu, was die Betreffenden sehr wohlgefällig an fn ahmen. Ein von dem „Hilfsverein der deutschen Juden" nach Kischinew entsandtes Komitee-Mitglied schilderte die durch das Blutbad geschaffene Lage wie folgt: „Die Zahl der Zerstörten Häuser in Kischinew beträgt in runder Summe 700; außerdem sind 600 Geschäfte zerstört, während die Häuser, in denen die betreffenden Geschäfte sich befinden, nicht stark gelitten haben. Die Zahl der Menschen, die obdachlos geworden sind, ist auf 10 000 bezw. 2000 ->amilten zu schätzen. Die Familien sind mittlerweile bereits untergebracht, die einzelstehenden Personen nur zum Teil; gerötet auf der Stelle wurden bei den Maffacres 45 Personen, schwer verwunde: 84, leicht verwundet mehr als 500. Bisher wurden für die Betreffenden 60 660 Rubel verausgabt, vor allem, um ihnen Nahrung und, soweit es notwendig, Kleidung zu schaffen. Charakteristischerweise haben die Witwen sich gescheut, selbst Geld anzunehmen, weil sie für die russischen Pfingsten neue Plünderungen befürchteten und annahmen, durch ihren Besitz die Aufmerksamkeit der