Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1903)
- Article
- Das Trauerspiel von Kischinew
- Date
- 1903-06-01
- Page
- 384 (sequence 2)
- Language
- German
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384 Im deutschen Reich. den phantasievollen Leuten hineingeflochten, die ihr trauriges Talent in Polna und Könitz zur Geltung gebracht haben! Selbst die gläubigsten Leser der antisemitischen Blätter radikalster Observanz und der diesen bedenklich nahestehenden Organe der Tivoli- Konservativen müssen sich sagen, daß die von den Unruhstiftern in Kischinew gemarterten Frauen und schonungslos hingemordeten jüdischen Kinder keinen Christenknaben getötet, daß sie weder Wucherer noch Ausbeuter gewesen sein können, sodaß die sich an den Plünderungen und Verwüstungen beteiligenden Bürger und Beamten keinen Grund hatten, Mordtaten zu begünstigen und die nichtbegüterten Juden noch um den letzten Rest ihrer armseligen Habe zu bringen. Es widerspricht den gewiß nicht judenfreundlichen amtlichen Feststellungen, wenn die antisemitische „Deutsche Hochwacht" behauptet, daß in Kischinew nur Pöbelhaufen gegen Pöbelhaufen stand. Es schlägt der Wahrheit ins Gesicht, wenn die „Staatsbürger-Ztg." schreibt: „Die Mordbrenner haben wohl gewußt, was sie taten, als sie sich die dumpfe Verzweiflung der geknechteten Kleinbürger zu Verbündeten machten." — Wohl kann sich das Antiseuntenblalt dabei außer auf Herrn Stepanow auch auf eine Aeußerung des russischen Botschafters in Washington, des Grafen Cassini berufen, die den Zweck hatte, die Vorgänge in Kischinew nicht als den Ausfluß religiöser oder nationaler Antipathie, sondern als Verzweiflungstat ausgesogener Bauern und Arbeiter gegen unerbittliche Halsabschneider darzustellen. Aber wenn Graf Cassini sich der Taten seiner Landsleute schämte oder falsch unterichtet war, entschuldigt dies die deutschen Verbreiter von Ritualmord - Lügen keineswegs. Sie wissen genau, welches Unheil mit solchen Märchen ungerichtet werden kann; sie wissen genau, daß nur das schnelle Einrücken des Militärs den ansgestachelten westpreußischen Pöbel an Verbrechen verhinderte, welche der guten deutschen Stadt Könitz vielleicht eine ähnliche Schmach zugesügt hätten, wie die jüngsten Osterfrevel für alle Zeiten der südrussischen Stadt Kischinew! Nicht die Ausbeulung, sondern der religiöse Fanatismus entflammt die Gemüter zum Wahnwitz und erzeugt Gewalttätigkeiten, deren sich die Menschheit zu schämen hat. Was in der russischen Stadt Kischinew geschah, war eine unmittelbare Folge der Ritualmord-Lüge von Dnbossary, die am Ort ihrer Entstehung nur deshalb rein großes Unheil stiftete, weil man dort Gelegenheit hatte, sich sofort von der Unmöglichkeit überzeugte, daß die Juden an der vorgekommenen Mordtat irgendwie beteiligt seien. Aber die bessarabische „Staatobürger-Ztg." „Bessarabez" ließ sich den fetten Bissen durch keine staatsanwaltliche oder kreisärztliche Feststellung