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Im deutschen Reich · 1903-06-01 · Heft 6-7 (Juni 1903) · p. 383

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
9 (1903)
Issue
Heft 6-7 (Juni 1903)
Article
Das Trauerspiel von Kischinew
Date
1903-06-01
Page
383 (sequence 1)
Language
German
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Das Trauerspiel von Kischinew. sich auch die nichtrussischen Antisemiten gegen den ihnen ins Gesicht geschleuderten Vorwurf der Mitschuld an dem Blutbad von Kischinew zornig aufbäumen mögen, das Brandmal bleibt auf ihrer Stirn haften, daß die Verbreiter der Ritualmord- Lügen den Nährboden geschaffen haben, auf dem im Zwanzigsten Jahrhundert, die Saat des furchtbarsten Hasses aufgehen und Taten reifen lassen konnte, wie sie in den rohesten Zeiten des Mittelalters nicht schlimmer vollführt worden sind. Die armseligen Beschönigungsversuche der „Staatsbürger - Zeitung", den ungeheuren Frevel auf einen geringfügigen Streit eines jüdischen Karufsel-Jnhabers mit einer zornigen russischen Bäuenn zurückzuführen, oder die Bemühungen der „Kreuz-Zeitung", eine angeblich skrupellose Auswucherung der christlichen Bevölkerung Südrußlands durch die Juden als Ursache für die Gräuel der Kischinewer Mordbrenner und Frauenschänder darzustellen, oder die Gefühlsroheit der konservativen „Schlesischen Zeitung", den gequälten Juden den völlig unbegründeten Vorwurf zu machen, die Menge am zweiten Osterfeiertage provoziert zu haben — alle diese Versuche beweisen nur die Regungen des schlechten Gewissens der Leute, die recht gut wissen, daß nur der von ihnen seit Jahren wissentlich genährte greuliche Ritualmordwahn imstande war, ungebildete Menschen vollständig zu irritieren! Das Aergste in Bezug aus die Entstellung der Ursachen des Blutbades von Kischinew haben, wie vorauszusehen war, die Wiener Erfinder des Ritualmord- Märchens von Polna in einem seitenlangen Bericht geleistet, den das bekannte Wiener „Deutsche Volksblatt" zuerst und dann — par nobile fratrum — die Staatsbürger-Zeitung veröffentlichte. Angeblich liegt dieser Darstellung ein amtlicher Bericht zu Grunde, den der Stadtälteste von Kischinew A. I. Stepanow, an den Gouverneur von Bessarabien, Generalleutnant R. S. v. Raaben erstattet hat. Wenn Stepanow, der zugleich Vorsteher der Gewerbegenossenschaft von Kischinew ist. sich in dieser einseitigen Weise über die Grundursachen der Krawalle und seine eigenen Wahrnehmungen ausließ, so trägt er mit die Schuld an dem angerichteten Unglück. Die Fabel, daß dem Metzeleien die Ermordung eines Christenknaben vorausgegangen sei, ist aber wohl nicht von ihm ersonnen, sondern in den Bericht-von

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