Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1903)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1903-05-01
- Page
- 366 (sequence 7)
- Language
- German
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366 Im deutschen Reich. zuüben. Zu der Besprechung der inneren Zustände des Judentums übergehend, betonte der Redner, daß er in den Auseinandersetzungen zwischen Strenggläubigen und Freisinnigen keine Schädigung erblicke, sondern nur eine Regung des geistigen Lebens, daß aber auch der Zionismus, selbst wenn man ihn als Utopie betrachte, wegen seines edlen Strebens, für heimatlose Glaubensgenossen eine Zuflucht zu schaffen, volle Achtung verdiene. Der Krebsschaden des deutschen Judentums liege im Jndifferentismus, der zum Abfall führe, zur schmählichen Fahnenflucht in einer Zeit, in der sich die Juden zur Verteidigung ihrer heiligsten Güter fester als je vorher zusammenschließen müßten. Dieser Pflicht werde in neuester Zeit wieder vielfach in erfreulicher Weise genügt, so daß man mit Befriedigung konstatieren könne, daß das Judentum seine alte Elastizität wiedergefunden habe, und den Willen bekunde, sich nicht herunterbringen zu lassen. Die Bestrebungen des Central-Vereins, des Gemeindebundes, der Logen, der Literatur-Vereine, des Vereins zur Förderung der Wissenschaft des Judentums fänden eine Ergänzung durch die Begeisterung der akademischen jüdischen Jugend für alles Jüdische und diese „Renaissance des Judentums" biete die Möglichkeit zu einem weiteren inneren Zusammenschluß, in dem das Geheimnis des Erfolges ruhe. So dürften alle Verfechter der guten Sache der Zukunft des deutschen Judentums mit froher Zuversicht entgegengehen. — Wiederholt wurden die Ausführungen des Redners von Kundgebungen lebhafter Zustimmung unterbrochen und am Schluffe wurden sie mit langanhaltendem Beifall belohnt. Herr Rechtsanwalt Dr. Guttsmann stattete in herzlichen Worten dem Vortragenden den Dank des Gruppenvorstandes ab, betonte dabei die Notwendigkeit des werktätigen Zusammenschlusses im Central-Vereine und eröffnete nach kurzer Pause die Diskussion. Im Verlaufe der Debatte, an welcher sich die Herren Redakteur M. A. Klausner, Rechtsanwalt Margoninsky, Rechtsanwalt Dr. Guttsmann, Professor Dr. Philippson, Justizrat Dr. Fuchs und Rechtsanwalt Dr. Horwitz beteiligten, kam es zu interessanten Erörterungen über Entstehung, Wesen und Folgen des Gesetzes vom Jahre 1847, über den Inhalt und die Tendenz des Zedlitz'schen Schulgesetzentwurfs und über die Möglichkeit einer freiwilligen jüdischen Gesamtorganisation. Der Vorsitzende des Vorstands, Herr Rechtsanwalt Dr. Horwitz, führte dann aus, daß der Central- Verein zwar seine Tätigkeit auf Deutschland beschränke, aber deshalb sich nicht dem Mitgefühl verschließe, welches durch die Ereignisse in Kischinew bei jedem Menschenfreunde, welchen Glaubens immer er sei, wachgerufen werden müsse. Der in Kischinew von den Antisemiten