Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1903)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1903-05-01
- Page
- 351 (sequence 12)
- Language
- German
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Umschau. 351 ariifel gegen die Juden tragen die Hauptschuld an dem Gemetzel in Kischenew. Der Vizegouverneur dieser Stadt, der gleichzeitig Zensor ist, wurde auf die Gefährlichkeit jener Artikel aufmerksam gewacht, weigerte sich aber einzuschreiteu. Nach genauen Daten sind während der Krawalle in Kischenew 45 Juden ermordet, 74 Juden schwer und 350 leicht verwundet worden. Die Leichen der Getöteten sind erschreckend verstümmelt. In panischem Schrecken flüchten die Juden noch jetzt aus Kischenew, um ihr nacktes Leben zu retten, weil es allgemein heißt, daß die Krawalle sich wiederholen werden. Die Zahl der verhafteten Ruhestörer und Plünderer beträgt 800. Tausende von Familien sind obdach- und mittellos, aller Existenzmittel beraubt. Der materielle Schaden übersteigt die Summe von 8 Millionen Mark. Sogar die konservativen Blätter richten an die Regierung die Mahnung, alles zu tun, um die Wiederholung solcher entsetzlichen Vorfälle unmöglich zu machen. Der Gouverneur von Bessarabien, Generalleutnant v. Raaben, hat eine Bekanntmachung erlassen, in der es unter anderem heißt: „Nach den in Kischinew vorgekommenen Straßenunruhen, die nicht nur vom Gesetz, sondern auch durch die Grundlehren er christlichen Religion verboten sind, sind so viele des Obdachs und der Nahrung beraubte Personen vorhanden, daß eine sofortige Hilfe von Angehörigen aller Glaubensbekenntnisse notwendig erschien; auf meinen Hinweis wurde vom Damenkomitee des Roten Kreuzes ein Gratisspeisehaus und ein temporäres Asyl eröffnet. Ebenso haben Vertreter der jüdischen Bevölkerung alles nur mögliche zur Linderung der Not ihrer Glaubensgenossen getan. ... Ich meinerseits fordere die Bewohner Kischinews und des ganzen Gouvernements auf, den Geschädigten durch die Wohltätigkeitsanstalten Hilfe zu erweisen und, was die Hauptsache ist, volle Ruhe zu bewahren und allerorten der Obrigkeit bei der Erhaltung der Ordnung und bei dem Schutz des Eigentums behilflich zu fein. Den Irregeleiteten mache ich bekannt, daß jeder Versuch zur Erneuerung der Erceffe und zur Störung der öffentlichen Ruhe und Ordnung mit den energischsten vom Gesetz zugelaffenen Mitteln unterdrückt werden wird und daß die Schuldigen einer strengen Bestrafung nach den Bestimmungen detreffend den verstärten Schutz unterliegen." Der aus Anlaß des Blutbades in Kischinew veröffentlichten Erlaß des russischen Ministers des Innern entspricht aber leider den in obiger Bekanntmachung kundgegebenen Gesinnungen in sehr geringem Maße; er scheint mehr den Zweck zu verfolgen, die lokalen Polizeiorgane in Schutz zu nehmen, seren Verhalten vielfachen Tadel hervorgerufen hat. Der „Kiewljanin" bezeichnet die Vorgänge in Kischenew als eine Schande und ein Unglück für