Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1903)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1903-05-01
- Page
- 348 (sequence 9)
- Language
- German
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348 Im deutschen Reich- Wohin das Phäakentum führt, welches den Sklavensinn großzieht und das Bürgerturn zürn Spielball der Feinde der Freiheit und Aufklärung macht, das zeigen die Vorgänge in Oesterreich, wo der Antisemitismus sich der Gemeindeverwaltung bemächtigt hat, seine gefügigsten Werkzeuge fürstlich belohnt, während die übrige Bürgerschaft bei kostspieligen Vergnügungen kaum merkt, wie ihr Wohlstand zurückgeht, und wie die freiheitlich organisierte transleithanische Reichshälfte mehr und mehr die deutsche Bevölkerung Cisleithaniens — und zwar nicht nur auf dem wirtschaftlichen Gebiete — überflügelt. Es muß schon weit gekommen sein, wenn selbst ein antisemitisches Blatt die jetzigen Zustände in Oesterreich als in der Zersetzung begriffen darstellt, wobei es natürlich auch nach dem bekannten antisemitischen Rezept eine Mitschuld den Juden aufbürdet, obgleich diese seit Jahren in der österreichischen Monarchie sich jeden Einflusses begeben mußten. Das Blatt schreibt: „Die „Deutsche Volkspartei" war bei ihrer Gründung zwar vielversprechend; sie ist aber heute auch schon zur Misch-maschmauschelpartei herabgesunken, und die durch fortgesetztes Schielen nach Ministersesseln verdrehten Augen ihrer Führer sehen keinen Czechen und keinen Juden mehr. Der „verfassungstreue Großgrundbesitz" dünkt sich viel zu vornehm, um in die Arena des politischen Alltagskampfes herabzusteigen, auch verbinden ihn gesellschaftliche „Verpflichtungen" zu sehr mit der Regierung und der Geburts-, sowie andere Verpflichtungen mit der Geldaristokratie. Und da bleiben denn für den Zusammenschluß lediglich die beiden alldeutschen Brüderparteien und die Christlich-sozialen übrig. Leider befehden und beschimpfen sich diese drei christlichen, antisemitischen, deutschen Parteien, wo und wann und womit sie nur können. Der vor dem Obersten Gerichtshof zur endgiltigen Entscheidung gelangende Prozeß Wolf-Schalk wird für neuen Zersetznngsstoff sorgen." Wie die Korruption dabei überhand nimmt, wie die Zahl der Defraudanten im antisemitischen Lager wächst, ist nicht mehr zu verbergen. Die „Wiener Sonn- und Montags-Zeitung" berichtet: „In Waidhofen an der Pbbs ist wieder vor einigen Tagen der Sekretär des dortigen Armenrates, Flieger, ein leidenschaftlicher Parteigänger der Christlichsozialeu, als Defraudant entlarvt worden. In den Berichten hierüber hieß es: der Fall errege deshalb besonderes Aufsehen, weil es seit sechs Jahren bereits die dritte Defraudation ist, die im Bezirksarmenrat stattgefunden hat und deren Helden durchwegs bewährte Antisemiten waren. Da sollte man eigentlich in Waidhofen au der Z)bbs sich an diese antisemitisch geaichten Defraudationen gewöhnt haben. Wie viele christ-