Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1903)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1903-05-01
- Page
- 347 (sequence 8)
- Language
- German
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Umschau. 347 der Gleichberechtigung aller deutschen Staatsbürger ein Fundamentalsatz bleiben. Der Freisinn verträgt sich nicht mit Rassen- und religiösen Vorurteilen; es gibt nur eine Freiheit, die alle frei macht, die jede Knechtschaft bannen hilft. In einem Artikel „Das deutsche Bürgertum" betonte die stockreaktionäre „Post", daß in Deutschland die ersten Träger liberaler Ideen einen ausgeprägt antisemitischen Zug aufzuweisen hätten. Es sei „dem deutschen Liberalismus zum Verhängnis geworden, daß er den Bund mit dem Judentume einging und sich von diesem an seinen Triumphwagen spannen, sein nationales Programm kosmopolitisch und semitisch verfälschen ließ". Das Umgekehrte ist der Fall; wenn die „Post" sich für die „freiheitlich gesinnten Teutonen mit ihren langen gelben Haaren und den Flausröcken" begeistert, welche für die Deutschheit wie für die Freiheit schwärmten und mit Vater Jahn turnten", so ist dies begreiflich; aber die Geschichte hat als die größte Lehrmeisterin bewiesen, daß diese „Deutschtümelei", welche seinerzeit den Spott vieler großen Männer erweckte, wenig dazu beigetragen hat, Deutschland groß und einig zu wachen, daß Fürst Bismarck vielmehr, als er dieses Ziel mit Geist und Energie erstrebte, sich nicht seine Helfer unter den Nachahmeren der „gelbhaarigen Jünglinge mit den Flausröcken" aussuchte, sondern die Mitarbeiterschaft vonBamberger, Bleichröder und Lasker zu schätzen wußte und für seine sozialreformatorischen Pläne sogar einen Gedankenaustausch mit Lassalle zu nützen suchte. Nicht der vermeintliche Zusammenhang mit dem Judentum, sondern die von nichtjüdischer Seite bewirkte Zerfahrenheit ist dem Liberalismus verhängnisvoll geworden. Wenn jetzt von jüdischerSeite an das deutsche Bürgertum appelliert wird, den Spaltungen ein Ende zu machen, geschieht dies nicht etwa im Interesse des gesamten Judentums, das mit dem Wohl und Wehe einer einzelnen Partei in keiner Weise verknüpft ist, sondern im Interesse des ganzen deutschen Bürgertums, dem die antisemitischen Anarchisten vorgaukeln, daß es auf die mühselig erkämpften freiheitlichen Errungenschaften freiwillig verzichten und Leuten wie dem Grafen Pückler wieder freudig Frohudienste leisten müsse, um sich satt essen zu können und bei Brot und Spielen die freie Manneswürde zu verleugnen. Solchen Rat erteilen den deutschen Bürgern die Nachkommen jener Israeliten nicht, die lieber vierzig Jahre in der Wüste darbten als bei den Fleischtöpfen Aegyptens ein Sklavenleben zu führen. Wir wollen allen nützen, keinem schaden; wir fühlen uns eins mit jenem deutschen Bürgertum, das nicht gesonnen ist, Freiheit und Recht für das Linsengericht mittelalterlicher Romantik, für jämmerliche Brockenvon ritterlichen Festgelagen hinzuopfern!