Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1903)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1903-05-01
- Page
- 346 (sequence 7)
- Language
- German
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346 Im deutschen Reich. kaum nur als „einzelne Persönlichkeiten" getan haben. Stünde die Zentrumspartei noch den Juden gegenüber auf dem vorurteilslosen Standpunkts den sie einnahm, bevor „katholisch Trumpf" war, dann würde sie ihren Einfluß in Bayern rechtzeitig geltend gemacht haben, um jenen Situationswechsel zu verhindern, der sich dort nicht nur in der Schulverwaltung, sondern auch bei der in einzelnen Landesteilen ungenügend gehemmten Hetze gegen die jüdischen Metzger, besonders aber durch die weitverbreitete Scheu vor den antisemitischen Schimpfereien des „Bayerischen Vaterlandes" und der „Neuen Bayerischen Landeszeitung" fühlbar gemacht hat. Daß der Würzburger Redakteur des letzteren Blattes, Anton Memminger, dessen Aeußerungen über den deutschen Kaiser seiner Zeit den Berliner Agrarier Dr. Diedrich Hahn veranlaßten, eine Bauernversammlung protestierend zu verlassen, kürzlich von der Anklage der Majestätsbeleidigung freigesprochen wurde, kennzeichnet die Stimmung in Kreisen, welche das Zentrum offenbar nicht mehr zu zügeln vermag, selbst wenn es versuchen wollte, dieselben je nach der politischen Haltung der bayerischen Juden zu leiten. Die „Köln. Dolkszeitung" schreibt: „Wenn nicht kirchliche Einflüsse und das Zentrum auf politischem Gebiete gebremst hätten, dann hätten wir in Bayern längst den politischen Antisemitismus wie in Oesterreich. Mögen die fraglichen Blätter sich hüten, noch länger mit dem Feuer zu spielen. Die Zentrumspresse wird gezwungen, diesen Herausforderungen schärfer entgegenzutreten. In München hat sich schon ein antisemitisches Häuflein politisch organisiert und es richtig fertig gebracht, dckß die Zentrumspartei bei den Gemeindewahlen zwei Sitze verlor. Diese Antisemiten wollten ihre Macht Zeigen. Wir warnen, so lange es noch Zeit ist. Ganz falsch ist es, wenn in der Presse die Auffassung gepflegt wird, man könne mit kulturkämpferischen Mittelchen die antisemitischen Neigungen nieder halten". Das ist immer wieder das den Antisemiten abgelernte leidige Zentralisieren und die Verquickung der keineswegs kulturkämpferisch gestimmten Juden mit dem Verhalten einzelner fälschlich für „Judenblätter" ausgegebenen oppositionellen Organe! Wenn das Zentrum die „Juden" besser kennen lernen würde oder wollte, dann müßte es sich die Haltung solcher Kirchenfürsten wie des Erzbischofs von Köln zum Muster nehmen und in frühere Bahnen wieder einlenken, vor allem aber weiter als bisher von den Antisemiten abrücken, deren Sympathien noch keiner Partei Segen gebracht haben. Von den liberalen Parteien ist die Fernhaltung antisemitischer Einflüsse ohne weiteres zu erwarten, denn für sie muß die Wahrung