Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1903)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1903-05-01
- Page
- 345 (sequence 6)
- Language
- German
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Umschau. 345 Dr. OerLel entgegengeftellten Geheimrat Lusenski veranlaßt auf feine Kandidatur zu verzichten. Die Kartellfreunde unter den sächsischen Nationalliberalen haben also allen Grund zu dem Jubel: „0 weh, wir haben gesiegt!" Im ersten Meininger Wahlkreise, in dem der nationalliberale Amtsrichter Hoßfeld von Römhild gegen die Freisinnigen agitiert, wurde auf dessen Veranlassung eine Resolution angenommen, wonach ein Zusammengehen zwischen den Nationalliberalen, dem Bund der Landwirte und den Antisemiten erwünscht fei. Diese Resolution wurde telegraphisch einer Versammlung übermittelt, in welcher der Abgeordnete Liebermann von Sonnenberg gerade .den antisemitischen Bundeskandidaten Freiherrn von Wangenheim-Hütsckeroda vorstellte. Wie wenig dankbar Liebermann für ein solches Entgegenkommen der Nationalliberalen ist, geht auch aus dem Wortlaut des von ihm Unterzeichneten Wahlaufrufs der deutsch-sozialen Partei hervor. Darin heißt es ausdrücklich: „Im Kampfe gegen die Sozialdemokratie können wir keine Kartellbrüder nach dem Zuschnitt der Nationalliberalen gebrauchen, die den Ernst der Zeit verschleiern, die das sozialdemokratische Grundübel äußerlich nach Kurpfuscherweise zurückzudrängen suchen, statt durch Beseitigung der berechtigten Unzufriedenheit und durch eine planmäßige, aber warmherzige Sozialpolitik eine gründliche Heilung anzubahnen." Mehr Selbständigkeit und Würde bekundet jedenfalls die Zentrumspartei, die sich weder bei den Konservativen noch bei den Antisemiten anvettert, und offenbar nur deshalb nicht mehr in den Bahnen Windthorsts und Liebers wandelt, weil sie sich nicht ausreden läßt, daß die Mehrheit der deutschen Juden den katholischen Wünschen gegenüber sich ebenso ablehnend verhalte wie die strengprotestantischen Redaktionen einiger politischer Tageszeitungen, deren Verleger zufällig Juden sind oder waren. Selbst ein sonst so tüchtig geleitetes Blatt wie die katholische „Köln. Volks-Zeitung" kann sich von dem Wahne „jüdischer Kulturkämpferei" nicht lossagen, obgleich es das Zentrum gegen den Verdacht zu verwahren sucht, die Einschränkung der Gleichberechtigung der Juden auf seine Fahne zu schreiben und obgleich es betont, daß eine einzelne Persönlichkeit, die sich über Juden mißfällig äußere, doch nicht für eine Vertreterin des ganzen Zentrums gehalten werden dürfe. Das katholische Blatt sollte dann aber auch andern gegenüber denselben Grundsatz gelten lassen und nicht, was ein einzelner Jude als seine politische Ueberzeugung kundgibt, stets der Gesamtheit der Juden zur Last legen, die sich gewiß nicht ohne Grund oft von Aeußeruugen verletz't gefühlt hat, welche die Abgeordneten 1)r. Heim, Dr. Schädler u. a. doch