Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1903)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1903-05-01
- Page
- 344 (sequence 5)
- Language
- German
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344 Im deutschen Reich. freilich, wenn man ihre Absichten nach der Haltung der amtlichen Kreisblätter beurteilt, eine solche Kurzsichtigkeit zu erwarten, umsomehr als es konservative Reichstagskandidaten bei der Agitation in den Berliner Wahlkreisen nicht unter ihrer Würde hielten, vor dem Antisemitismus den „Kotau" zu machen. So erklärte im zweiten Berliner Wahlkreise Professor Dr. von Wenckstern, er unterschreibe fast alle von der deutsch-sozialen Reformpartei aufgestellten Forderungen. Trotzdem ihm die anrüchigen Leistungen der christlich-konservativen Industriellen Sauden, Terlinden, Erner, Schmidt u. a. m. genau bekannt sein mußten, konnte er sich dennoch nicht versagen, in einer Versammlung des zweiten Berliner Wahlkreises . zu sagen: ,,Was an unserem Kapitalismus schlecht und manchesterlich ist, das ist zu W Prozent auch jüdisch. Singer hat den Trick gemacht, sich an die Spitze der Arbeiter zu stellen, indem er sich sagte, einzelne seiner Stammesgenossen regieren den Kapitalismus durch die Börse, andere den Mittelstand durch Warenhäuser usw.; wenn er nun noch die Arbeiter durch die Sozialdemokratie regiert, so sind alle Stände unseres Volkes in jüdischer Gewalt, und die Herrschaft des Judentums in Deutschland ist gesichert. Diese Tatsache feftzustellen, ist kein Rassenhaß, und wenn Sie mich deshalb Judenhetzer nennen, so will ich es sein, und rufe den Antisemiten ein Heil zu." Im 6. Berliner Wahlkreise ließ sich der frühere Kollege des Stadtverordneten Pretzel, Rechtsanwalt Ulrich, durch den Rechtsanwalt Dr. Hahn aus Charlottenburg als ^unabhängiger" Kandidat und Gegner des jüdischen. Kapitalismus empfehlen und bewies seine eigenartige „Unabhängigkeit" dadurch, daß er von dem bekanntlich von dem Kaiser selbst herrührenden Ansdruck „Brotwucher" zu äußern wagte: „Der Brotwucher ist eine Phrase". Im vierten Wahlkreise suchte der konservative Kandidat, Schriftsteller Wegner, durch Citate aus Jesaia zu beweisen, daß die Juden nach der Weltherrschaft streben, weshalb er den Arbeitern dringend empfahl, sich für den Zolltarif zu begeistern, den er als Schutzmittel gegen jüdische Prätensionen anzusehen schien, und von dem er sagte, daß er der ganzen deutschen Ration zum Nutzen gereichen werde. Den agrarischen Hintermännern der konservativen Klienten würde er Zweifellos nützen und dies dürste Herrn Wegner genügen! Zu der kläglichen Haltung eines großen Teils der konservativen Partei in dem jetzigen Wahlkampfe bildet das Verhalten der Rationalliberalen ein würdiges Gegenstück. Das Festhalten an dem von ihnen in Sachsen mit den Konservativen und der deutsch-sozialen Reformpartei abgeschlossenen seltsamen Kartell hat den von den Liberalen im Freiberger Wahlkreise dem bisherigen agrarischen Vertreter