Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1903)
- Article
- Eine Ritualmordbeschuldigung und ein Zeugnis der preußischen Regierung vor 100 Jahren
- Date
- 1903-05-01
- Page
- 333 (sequence 6)
- Language
- German
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Eine Ritualmordbeschuldigung re. dö'S einigt mit den Justizbehörden nach den bereits gegen sie vorliegenden Anzeigen nicht schwer und es wird eines jeden Theilnahme an der Sache nach dem Grade seines Verschuldens mit aller Strenge der Geseze geahndet werden, welche Strafen um so empfindlicher werden müssen, als dabey Vergehungen auf Vergehungen gehäuft worden sind. Indem dieses hierdurch zu jedermanns Wissenschaft öffentlich bekannt gemacht und zugleich jeder dortige christliche Einwohner ernstlich gewarnt wird, sich nicht die mindesten weiteren Kränkungen gegen die jüdischen Eingesessenen Zu erlauben; so verhaft die Königl. Kriegsnnd Domaiuen-Kammer, daß dieser Warnung Gehör gegeben und durch ein entgegen geseztes Benehmen, welches überdies eine Widersezlichkeit gegen obrigkeitliche Verfügungen bezeichnen und den Grad der Strafbarkeit erhöhen würde, nicht die Nothwendigkeit werde veranlaßt werden, daß die den Unterbehörden des Kreises wegen ihres weiteren Verfahrens gegebenen ernsten Instructionen zum Vollzug gebracht werden müssen. Gegeben Bayreuth den 25. April 1803. Königl. Preuß. Kriegs- und Domainen-Kammer". Damit könnten wir nun die Akten schließen, wenn die „Affaire" von anno 1803 nicht im Jahre 1903 noch ein Nachwort erforderlich machen würde. Ein Zeitraum von 20 Jahren war nach den geschilderten Ereignissen dahingegangen, längst war Gras auf dem Grabe des kleinen Makel und über die Geschichte seines Todes gewachsen, da veröffentlichte Friedrich Oertel, Königlich bayrischer -Pfarrer zu MarkL-Lenkersheim, ein antisemitisches Machwerk unter dem Titel: „Was glauben die Juden" (Bamberg 1823), in welchem er (S. 133 bis 141) die mit allen möglichen und unmöglichen Einzelheiten aus-' geschmückte Geschichte des am Knaben Makel begangenen Ritualmordes seinen Lesern erzählt und mit folgenden Worten schließt: „Alle Umstände geben es klar, daß die Juden nicht ganz rein waren ..... es wäre der Mühe wert, dieser Sache ganz auf den Grund zn kommen." Nun muß man doch fragen: Der Pfarrer Oertel war ein Zeitgenosse des vorgetragenen Falles und lebte in der Nähe des Tatortes, warum hat er nicht die gerichtlichen Protokolle eingesehen und ist der Sache ganz auf den Grund gekommen? Von dem Zeugnis der preußischen Regierung, das ihm nicht unbekannt sein konnte, erwähnt er kein Wort. Ist das nicht Unterschlagung? Ist das nicht Geschichtsfälschung? Damit ist aber der kleine Makel noch lange nicht zur Ruhe gekommen. Aus den Händen des Pfarrers kam die falsche Münze in die Hände eines Ritters. Im Jahre 1866'") veröffentlichte Konstantin *) Mir liegt die zweite Auflage vom Jahre 1881 vor.