Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1903)
- Article
- Eine Ritualmordbeschuldigung und ein Zeugnis der preußischen Regierung vor 100 Jahren
- Date
- 1903-05-01
- Page
- 329 (sequence 2)
- Language
- German
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Eine Ritualmordbeschuldigung re. 329 frierens sterben müssen. Nichtsdestoweniger entstand das Gerüchts daß das Kind das Opfer eines Ritualmordes geworden sei. Ein Jude Hirsch aus Sugenheim, ein 72 jähriger Greis, welcher auf seinen Hausiergängen dem Kinde einiges Zuckerwerk zu verabreichen pflegte, „jedenfalls um es an sich zu locken", und welcher auch an jenem Unglückstage im Elternhause des verschwundenen Knaben gesehen worden sein sollte, mußte der Attentäter sein. Hatte man doch das Kind in einem Zustand aufgefunden, der keinen Zweifel übrig ließ, nämlich, wie der Volksmund schaudernd erzählte, „unter der Zunge verwundet und im Munde blutig!" Zwar die Justizbehörden konnten im Laufe der Untersuchung nichts Belastendes finden und ließen den alten Mann unbehelligt laufen. Aber wann wären die Justizbehörden nicht korrumpiert und bestochen gewesen, so oft es sich um die Freisprechung eines des Ritualmords beschuldigten Juden gehandelt hat? Wie ein Flugfeuer verbreitete sich die Schauermär in der ganzen Gegend. Es wurden Briefe, Lieder und „eifrig-christlich gesinnte Apostel ausgeschickt, um alle frommen Christen jener Gegend aufzuhetzen."""") Fortan war kein Jude mehr auf der Straße seines Lebens sicher. In vielen Ortschaften mußten sich die Juden in ihren Häusern verstecken und dabei Todesangst ausstehen, daß nach den laut ausgestoßenen Drohungen ihre Wohnungen in Brand gesteckt werden würden. Das preußische Kreisdirektorium in Neustadt a. d. Aisch forderte die Geistlichkeit auf, gegen solche Verirrungen durch ihre Predigten aufklärend zu wirken. Auch das war vergebens. Vielmehr wurden die gemeinsten Pasquille auch gegen die Pfarrer und Polizeibehörden verbreitet. Da wandten sich endlich die Juden von Diespeck an die Vorsteher der Judenschaft von Bayreuth mit der Bitte, bei der dortigen Regierung schleunige Hilfe auswirken zu wollen. Das war in der Nacht zum 25. April 1803. Am nächsten Morgen überreichten die Vorsteher der Judenschaft von Bayreuth zu Händen der dortigen preußischen Kriegs- und Domänenkammer eine Bittschrift an den König von Preußen, welche folgenden Wortlaut hatte: „Allerdurchlauchtigster Großmächtigster König, allergnädigster König und Herr! Schleunigste alleruntertänigste Vorstellung und Bitte der Barnoßen der hiesigen Stadtjudenschaft, die Gefahr der Judenschaft _ zu Diespeck btr. **) So zu lesen in den „Preußisch-Brandenburgischen Miszellen" 1804 Bd. I, S. 194 ff.