Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 4 (April 1903)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1903-04-01
- Page
- 293 (sequence 13)
- Language
- German
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wmiujuu. davon, daß der Fall in Polna gerichtsnotorisch sich als ein „Lustmord" erwiesen hat, steht noch keineswegs fest, daß sich die Jurin nicht irgendwo bei bestem Wohlsein in lustiger Gesellschaft aufhält. — In dem bei dem Orte Cemelitz gelegenen Dorfe Smetanova- Lhota (Bezirk Pisek) vermißte kürzlich ein Bauer feine 18jährige Tochter. Leute wollten gesehen haben, daß das Mädchen in das Haus des Kaufmanns Wilhelm Fantl in Cemelitz geschleppt worden sei, daß sich viele Juden aus der Umgebung dort eingefunden hätten und Fantl dann wahrscheinlich mit dem Blut des Mädchens nach Wien gefahren sei. Dieses Gerede verursachte natürlich in der Gegend große Aufregung, so daß die Polizeiorgane Mühe hatten, Ausschreitungen zu verhüten. Am Tage darauf erschien das Mädchen wohlbehalten wieder im Dorfe und behauptete, nur eine Wallfahrt nach dem heiligen Berge gemacht Zu haben. Fantl hat den Advokaten Dr. Ludwig Bullaty in Budweis damit betraut, gegen die Urheber der gegen ihn veranstalteten Hetze gerichtliche Schritte einzuleiten. — Die antisemitische „Neue Bayerische LandesZeitung" brachte im März eine sonderbare Entführungsgeschichte, wonach in Würzburg Zwei aus München gekommene Jüdinnen Elise und Mitzi Schloßstein den A1j2 Jahre alten Sohn einer Maschinistenfrau eines Nachmittags mit sich genommen, aber am Abend seiner Mutter wieder zugeführt hätten, wahrscheinlich, weil sie in ihrem Beginnen gestört worden seien. Die Magdeburger antisemitische „Sachsenschau" druckt diese schöne Geschichte mit der Ueberschrift „Nehmet eure Kinder in Acht" am 14. März ab. — Durch eine kurze Notiz, daß sich in Neu-Kolziglow „eine furchtbare Geschichte" abgespielt haben sollte, die an Polna und Tisza Eszlar erinnere, brachte das von dem Antisemiten H. Röhl redigierte Bütower Amtsblatt in den ersten Apriltagen die hmterpommersche Gegend in Aufregung. Der „Ostdeutschen Tageszeitung" in Könitz wurde aber bald darauf von vertrauenswerter Seite berichtet, daß nur ein bei der jüdischen Familie R. in Neu-Kolziglow mit der Beaufsichtigung von zwei kleinen Kindern betrautes christliches Schulmädchen, wohl unter dem Eindruck der von den Antisemiten in jener Gegend verbreiteten Mordgeschichten, von grenzenloser Angst befallen wurde, als drei Händler bei ihrer Dienstherrschaft einkehrten. Das Mädchen lief deshalb nach Hause und verbreit-.te im heimischen Dorfe die alberne Schauermär von der Absicht der Juden, Kinder zu schlachten. Die traurigen Folgen der fortgesetzten antisemitischen „Brunn envergiftung" lassen sich gar nicht übersehen; sie bestehen.zunächst in der damit bezweckten geschäftlichen und gesellschaftlichen Boykottierung