Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 4 (April 1903)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1903-04-01
- Page
- 292 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2316602-2316701-2316706--10935-2331405- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
292 Im deutschen Reich. zurufen. — Mitte März wurde in Jutroschin in der Provinz Posen ein neues Ritualmärchen verbreitet. Dort sollte der angesehenste jüdische Kaufmann Wilhelm Rosenbaum einen christlichen Schüler Domasjewski in seinen Keller gelockt und in einer Kiste eingenagelt haben, aus der ihn die von den besorgten Eltern herbeigerufenen Gendarmen erst nach drei Tagen befreit hätten. Es stellte sich bald heraus, daß an der ganzen Sache nichts weiter wahr war, als daß der Knabe mit anderen Jungen einigen betrunkenen Handwerksburschen auf der Straße nachgelaufen war und durch sein langes Fortbleiben feine Eltern in Angst versetzt hatte. Alles andere erwies sich als Geschwätz eines Fortbildungsschülers, der sich reuig zur Abbitte bereit erklärte, aber leider nicht bekannte, wer ihm die sicher nicht von ihm selbst erfundene Kistengeschichte, welche mehrere Tage hindurch viele Gemüter in Aufregung versetzte, eingeflüstert hat. — Gefährlicher wirkte das Verschwinden des Bauernknaben Rybolenko in der im Gouvernement Cherson am Dnjester gelegenen Stadt Dubossary. Der Knabe sollte angeblich auf rätselhafte Weise verschwunden sein, nachdem er im Laden eines jüdischen Kaufmanns Tabak gekauft hatte. Als man am Tage darauf die mit achtzehn Wunden bedeckte Leiche des Knaben ausfand, wurden die erregten Bauern durch Leute, welche den Verdacht auf die Juden lenkten, verleitet, sich in Duboffary und Tumanow zu einer förmlichen Judenhetze anzuschicken, der nur durch militärisches Eingreifen Einhalt getan werden konnte. Die wiederholte Sektion der Leiche ergab die gänzliche Grundlosigkeit des Blutmordverdachts. Die Feststellungen des aus Odessa vom Bezirksgericht entsandten Prokurators Sacharewicz und die Aussagen des vom Gericht aus Tiraspol delegierten Arztes, daß die Wunden sämtlich von keinem Messer, sondern von einer großen eisernen Gabel herrührten, beruhigten endlich die erhitzten Gemüter. Es trug dazu auch nicht wenig der sich verbreitende Verdacht bei, daß Rybolenko nicht von Juden, sondern von Verwandten beseitigt worden fei, denen feine Ansprüche auf eine große Erbschaft lästig waren. Die judenfeindliche Zeitung „Nowoja Wremja" suchte trotz des amtlichen Sektionsbefundes die Verdächtigung des Ritualmordes aufrecht zu erhalten; es ist eben ihr Geschäft! — Als vor einigen Wochen die bei dem Cafetier Götz in Olmütz bedienstete Magd Emma Jurin von einem Tanzvergnügen nicht mehr zurückkehrte und die Nachforschungen nach der Vermißten fruchtlos blieben, war es der „Staatsbürger-Zeitung" vergönnt, österreichischen Antisemitenblättern die aufreizenden Worte nachzudrucken: „Allgemein neigt man zu der Ansicht, daß das Mädchen einem Verbrechen a la Polna zum Opfer gefallen ist." Abgesehen