Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1903-04-01 · Heft 4 (April 1903) · p. 291

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
9 (1903)
Issue
Heft 4 (April 1903)
Article
[Ohne Titel] / A. L.
Date
1903-04-01
Page
291 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
chapter
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2316602-2316701-2316706--10934-2331404
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Umschau. 291 Minderwertigkeit der judenfeindlichen Politiker den Anhängern anderer Parteien ziemlich klar vor die Augen tritt. Im Ziele sind sich die Antisemiten vollständig einig; was sie trennt, sind nur die Mittel zur Erreichung des Ziels; lautet doch der §19 des völlig im rumänischen Jeschmack gehaltenen deutsch-sozialen Parteiprogramms: „Aufhebung der Juden-Emanzipation und Stellung der Juden unter ein besonderes Fremdenrecht." So schicken die Antisemiten die Deutschen zu den Rumänen in die Lehre! Aber selbst inbezug auf die Mittel sind keine wesentlichen Unterschiede zu bemerken, sodaß die Kluft innerhalb des Antisemitismus mehr auf persönliche Gegnerschaften Zurückzuführen ist. Auch in den Organen Liebermanns finden sich Artikel über das Judentum, die ganz von demselben Geiste durchweht sind wie diejenigen, welche aus der Feder des wegen Religionsbeschimpfung zu Gefängnisstrafe verurteilten radikal-antisemitischen Schriftstellers Koch geflossen sind. Auch die deutsch-sozialen Politiker entblöden sich nicht, den uralten Blutaberglauben des Pöbels als Mittel zur Aufreizung gegen die Juden Zu benutzen; selbst der Abgeordnete Liebermann von Sonnenberg, der die Dreschflegelreden Pücklers und den Sanskulottismus Ahlwardts für „Geschmacklosigkeiten" zu halten vorgibt, war ja seinerzeit nicht zu vornehm, zu dem traurigen „Wintermärchen" eine Musik Zu komponieren, deren Dissonanzen jedes feiner organisierte Gehör arg verletzen mußte. Immer wenn die Ost er zeit herannaht, blüht infolge der antisemitischen Volksverdummung der Ritualmordschwindel wieder auf, dessen die judenfeindliche Presse bedarf, um ihre inhaltsarmen Spalten zu füllen. So oft derartigen Gerüchten auf den Grund gegangen wird, zeigt sich stets, daß irgend ein Lustmörder durch einen Halsfchnitt sein unglückliches Opfer stumm gemacht hat, oder daß nur ein müßiges Geschwätz vorliegt oder auch eine lediglich durch Blutmord-Schriften erzeugte abergläubische Furcht, die nur die Richtigkeit des Satzes beweist, daß mit der Dummheit Götter selbst vergebens kämpfen. Das Abscheulichste dabei ist, wie diese Dummheit zu Hetzzwecken ansgebeutet wird. Trotzdem klar und deutlich erwiesen wurde, daß der Schneiderlehrling Otto Beyer aus Flatow, dessen verstümmelte Leichenteile auf Ratzebuhrer Gebiet im Februar gefunden wurden, irrsinnig umhergeirrt, im Walde erfroren war und daß zweifellos Tiere die Leiche benagt hatten, bemühte sich die antisemitische Presse durch höhnische Hinweise auf Skurz. Tanten und Könitz den Glauben an „Rrtualmorde" wieder aufzufrischen und gleichzeitig neuen Zweifel an den natürlichen Erklärungen der in diesen drei Orten vorgekommenen Mordtaten hervor-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.