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Im deutschen Reich · 1903-04-01 · Heft 4 (April 1903) · p. 286

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
9 (1903)
Issue
Heft 4 (April 1903)
Article
[Ohne Titel] / A. L.
Date
1903-04-01
Page
286 (sequence 6)
Language
German
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286 Im deutschen Reich. Werner besser getan haben, seine Beschwerde an die Vorgesetzte Instanz zu bringen. Ich habe einen Bericht nicht eingefordert, aber der betreffende Staatsanwalt hat Veranlassung genommen, gleich nach dem Vorfall mir einen Bericht über den Vorgang einzureichm." Der Minister verlas nun mehrere Stellen aus diesem Berichte, in dem u. a. gesagt war: „Es ist unwahr, daß ich in jener Verhandlung gesagt habe, die „Staatsbürger-Zeitung" hat die Aufgabe, die Juden zu verdächtigen und schlecht zu machen. Es ist unwahr, daß ich dem Prozeß eine Tendenz geben wollte und politische Gesichtspunkte geltend machen wollte. Dagegen habe ich mich für verpflichtet gehalten, die hetzerische Tendenz der „ Staatsbürger- Ztg.", wie sie in den unter Anklage stehenden Aussätzen hervorgetreten ist, auch zu kennzeichnen." Der Minister schloß seine Erklärung mit den Worten: Ich hoffe, daß der Abg. Werner mit dieser Erklärung befriedigt ist." Daß sich diese ministerielle Hoffnung erfüllen würde, war kaum anzunehmen. Am Tage darauf gab sich die Erbitterung des Antisemitenblattes durch eine Erklärung kund, in der folgende Sätze vorkamen: „Die Antwort des Jnstizministers können wir als eine streng sachgemäße nicht bezeichnen. Mit der Vorlesung dieses Teils des Berichts macht sich der Justizminister ein Urteil des Staatsanwalts Kanzow zu eigen, das wir sehr entschieden zurückweifen müssen. Der Minister hätte besser getan, den Staatsanwalt Kanzow aus seine unrichtige Auffassung aufmerksam zu machen und Vorsorge zu treffen, daß er für die Folge derartige, zur Sache nicht gehörige Bemerkungen gegen die „Staatsbürger-Zeitung" in einem amtlichen Bericht unterläßt." Welchen Eindruck diese dreiste Abkanzelung aus dm Minister gemacht hat, der sich sicher keiner Vorliebe für die Juden schuldig fühlen konnte, ist schwer zu ermessen. In dem Teil des Volkes, dessen „Imponderabilien" niemals Beachtung finden, weil dieser Bestandteil der Bevölkerung nur den Schutz wohlerworbener Rechte, aber nicht Rücksicht auf künstlich erzeugte Strömungen wünscht, hat der Vorgang aber die Hoffnung erweckt, daß den maßgebenden Kreisen die Neigung zu weiteren Zugeständnissen an kulturfeindliche Elemente doch endlich einmal verleidet werden wird. Während die Antisemitenpresse irgend eine freigeistige Aeußerung eines'christlichen Reeakteurs sofort sestnagelt, um über den zersetzenden Einfluß des Judentums zu wehklagen, wirkt sie selbst zersetzend, untergräbt die Religiosität durch Verunglimpfung des Bibelglaubens und unterwühlt den Monarchismus durch beständige Verdächtigungen der Ratgeber der Krone und einen zur Schau getragenen „Männerstolz vor Königsthronen", bei dem sie nicht viel wagt.

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