Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 4 (April 1903)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1903-04-01
- Page
- 285 (sequence 5)
- Language
- German
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Umschau. 285 Bezeichnung „jesuitisch" zu nennen pflegt. Es ist leicht verständlich, daß der Reichskanzler gerade in dem kritischen Moment, in dem es gilt, zwischen den bestimmt formulierten Forderungen der parlamentarischen Macht des Zentrums und dem Widerwillen der protestantischen Mehrheit des deutschen Volkes gegen eine etwaige Jesuiten-Jnvasion einen Ausgleich zu finden, Bedenken tragt, durch Aufrollung der Frage der rumänischen Verhöhnung des Berliner Vertrages seinen Gegnern die Möglichkeit der Anwendung antisemitischer Schlagworte zu bieten. Der kluge Staatsmann irrt sich nur darin, daß er diese Gegner entwaffnen zu können meint, wenn er sie mit Glacehandschuhen anfaßt. Der Terrorismus der Antisemiten nimmt stets den Behörden gegenüber in dem Maße zu, in dem diese zurückweichen, und unter der Angabe, den „Imponderabilien des Volkes" Rechnung tragen zu wollen, den Versuch machen, den peinlichen aber im Grunde ganz unschädlichen Nadelstichen der angeblichen „Judenbegünstigung" zu entgehen. Die vornehme Art, mit welcher Graf Bülow bisher die Zumutungen der Antisemiten abzufertigen pflegte, ist von ihn n mißverstanden worden, sonst würde nicht das Hamburger Antisemitenölatt wagen, eine kecke Interpellation Schönerers im österreichischen Abgeordnetenhause, die angebliche Preisgabe der Deutschen in Ungarn betreffend, mit der Ueberschrift „Graf Bülow durch Schönerer gerüffelt" zu veröffentlichen. Ebenso taktvoll ist es, daß dasselbe Blatt eine an den leitenden Staatsmann gerichtete Zuschrift, in der sich die Darmstädter Burschenschaft „Germania" auf den Standpunkt des alldeutschen Abg. Haffe stellt, mit der Ueberschrift „Wenn ein altes Haus von Füchsen gerüffelt wird", abzudrucken. Die Erfahrung, wie bei den Antisemiten der Appetit bei dem Essen zunimmt, hat auch der preußische Justizmmister machen müssen, der wiederholt das zweifelhafte Glück hatte, von der „Staatsbürger- Zeitg." bejubelt zu werden, sofort aber diese Gunst verscherzte, als er Bedenken trug, sich im Abgeordnetenhause durch den antisemitischen Redakteur Ludwig Werner zur Desavouierung eines pflichttreuen richterlichen Beamten drängen zu lassen, der im Staatsbürger- Zeitungs - Prozesse gewisse hetzerische Tendenzen richtig gekennzeichnet halte. Auf die bezügliche Anfrage erwiderte Justizminister I)r. Schönstedt am 26. März: „Der Abg. Werner hat die Gewohnheit, hier persönliche Fälle vorzubringen, auf die einzugehen mir nicht möglich ist. Er würde besser daran tun, die Befchwerdeinstanz einzuschlagen. So hat er auch bei der Zweiten Lesung behauptet, er sei in einem der Konitz-Prozefse von dem Staatsanwalt Kanzow in kränkender Weise angegriffen worden. Auch hier würde der Abgeordnete