Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 4 (April 1903)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1903-04-01
- Page
- 284 (sequence 4)
- Language
- German
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284 Im Deutschen Reich. Dr. Derlei erleichtert, durch eine nichtssagende höhnische Bemerkung über das Unglück der rumänischen Juden der Sache die Spitze abzubrechen und dafür den Dank seiner Gesinnungsgenossen in Rumänien zu verdienen, der in folgendem Telegramm seinen Ausdruck fand: „Die Studenten der rumänischen Universität Jassy drücken durch ihr Nationalkomitee dem Abg. Dr. Derlei ihre Bewunderung und ihren Dank für die energische Verteidigung der Wahrheit gegen jüdische Verleumdung aus. Das Nalionalkomitee." Daß auch in dem österreichischen Parlament die fast gleichzeitigen Anfragen der Abgg. Professor Skedl und Dr. Straucher bezüglich der Stellung der Regierung zu der Mißhandlung der Juden in Rumänien nahezu ungehört verhallten, dürfte andere Ursachen haben als das Verhalten des deutschen Reichskanzlers, dem vielleicht nur der Zeitpunkt für eine Aeußerung in der Sache nicht recht geeignet erschien. Durch die Ankündigung, im Bundesrate den Antrag auf Aufhebung des § 2 des Jesuitengesetzes stellen zu wollen, hat Graf Bülow den Antisemiten einen ausgiebigen Stoff geliefert, den sie ebenso wie die Burensache für ihre Parteizwecke agitatorisch ausbeuten wollen. Jene Politiker, die so gut im Trüben zu fischen wissen, nehmen jetzt an, daß sie ihren Anhang durch viele Mitglieder des Evangelischen Bundes vermehren können, wenn die antisemitische Fraktion jetzt die Jesuitenfurcht ebenso wie früher das Mitgefühl für die südafrikanischen Freiheitskämpfer dazu benutzt, Mißtrauen gegen die Reichsregierung zu verbreiten. Was die ^Intifemiteu vorzugsweise veranlaßt, sich mit der Los-von-Rom-Bewegung und der Agitation gegen die Durchlöcherung des Jesnitenaesetzes zu identifizieren, wird von der „Deutschen Wacht/" dem Dresdener Drgan der deutsch-sozialen Reformpartei, mit folgenden Worten offen herausgesagt: „Wir haben die jetzige Kampfstimmung nicht heraufbeschworen, sondern dieselbe ist durch den Reichskanzler dem Volk aufgedrängt worden. Aber gern nehmen wir evangelische Geistliche und Superintendenten in die Reihe der Kämpfer für Erhaltung des konfessionellen Friedens auf, selbst wenn wir uns das Mißfallen des Grafen Bülow zuziehen sollten." Die Lücken der antisemitischen Partei durch einflußreiche evangelische Geistliche auszufüllen, ist offenbar der Zweck der Begeisterung der antisemitischen Partei für die Fernhaltung der Jesuiten, und dieses Streben wird ihnen leicht, trotzdem ihr Parteiprogramm selbst auf neue Ausnahmegesetze hinausläuft, die sie für die Juden herbeiwünscheu. Dabei sind ihre eigenen Tendenzen sicher destruktiver als diejenigen der katholischen Jesuiten; ist doch die antisemitische Kampfweise in den Mitteln so wenig wählerisch, daß von ihr sicher das gilt, was inan mit der landläufigen