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Im deutschen Reich · 1903-04-01 · Heft 4 (April 1903) · p. 276

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
9 (1903)
Issue
Heft 4 (April 1903)
Article
Jüdische Dänen
Date
1903-04-01
Page
276 (sequence 12)
Language
German
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276 Im deutschen Reich. Judentum, und fing dann, in der Improvisation des Augenblicks, feine Rede mit den berühmten, in ängstlich bebendem aber lautem Ton hervorgerufenen Worten: „Was will ich, ein Jude, zwischen Euch?" an. Und er wurde von der großen Versammlung mit Jubel überschüttet. Aber sein Leben lang blieb der Zwiespalt in seiner Seele sitzen und ergreifend schildert er in seinen Lebenserinnerungen, welche versöhnende Genugtuung er empfand, als in London eines Tages die dänischen Arbeiter ihn aufforderten, eine Rede an die dänische Flagge zu halten. Derartige Empfindungen müssen jetzt als Affektation gestempelt werden, wenn ein Jude in Dänemark sie als die seinen schildern wollte; eine Frage - wie die Goldschmidts würde jetzt nicht Jubel, sondern offene Heiterkeit erwecken. Tagtäglich sind wir Wortführer für das dänische Volk, in allen Versammlungen, groß wie klein; unter Arbeitern und Bauern ebensogut, wie in den parlamentarischen Verhandlungen sprechen jüdische Redner im Namen der Dänen so sicher, wie die christlichen. Denn in dem halben Jahrhundert ist eben der Uebergang von dänischen Juden zu jüdischen Dänen erfolgt. Und trotz alledem läßt sich doch nicht leugnen, daß sie in gewisser Beziehung noch nicht ganz und gar in ihren Empfindungen mit den übrigen Dänen zusammengeschmolzen sind. Dänen sind sie bis in die Wurzeln ihres Wesens — aber jüdische Dänen. So sind es — um mit dem kleinsten zu beginnen — vor allen die Juden selbst, welche zuerst daran denken, wenn in einer Gesellschaft, einem Theater, einer Versammlung „zu viele Juden" auftreten. So existiert bei den Juden selbst, um etwas tiefer einzudringen, noch jetzt ein Gefühl der Gesamtverantwortlichkeit, wenn einer aus der Gemeinde sich übel bemerkbar macht, der Freude, wenn er fick auszeichnet, der Furcht, daß es „uns allen" schaden wird, wenn er sich kompromittiert. Und endlich: der jüdische Mitbürger, welcher in leitender Stellung sich mit Politik oder anderen öffentlichen Angelegenheiten beschäftigt, wird oft, wenn eine jüdische Kandidatur für Parlament oder Kommunalrat beseitigt werden soll, dem Kandidaten selbst als letztes Argument sagen: „Wir sind schon Juden genug da" und der Betreffende wird sich ohne Ausnahme beugen. Ursprünglich ist einst die bewegende Ursache sicherlich eine gewisse Furcht vor Neid, Aufmerksamkeit re. gewesen und dies war gewiß auch klug, denn natürlich wäre der Schaden viel größer wenn die christlichen Mitbürger eines schönen Tages so sagten oder auch nur dächten. Ist jener Grund auch heute gewiß nicht mehr gerechtfertigt, so ist die Tatsache, daß man sich in solchen Momenten der Eigenart erinnert, roch nicht zu bestreiten.

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