Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 4 (April 1903)
- Article
- Jüdische Dänen
- Date
- 1903-04-01
- Page
- 275 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Dänen. 275 die Juden von Dänemark nicht nutzbar gemacht werden, weil in den national hochbewegten Perioden, welche die Vorgänge in Schleswig von Zeit zn Zeit Hervorrufen, Georg Brandes, dem immer ein großer Anhang seiner jüdischen Mitbürger zur Seite steht, das Hauptsprachrohr für die empörten nationalen Empfindungen in Europa ist. Aus der andern Seite waren so hervorragende Mitglieder der jüdischen Gemeinde immer konservativ gesinnt in der Politik, daß die überall gespürte Tendenz konservativer Kreise, von der wir auch nicht verschont waren, den Radikalismus als ein fremdes, von den Juden importiertes Element zu bezeichnen, auch nicht gelingen konnte. Solange diese Stellung beibehalten wird, solange die Sprecher der jüdischen Dänen das Recht der Unterklassen hervorheben, ohne Rücksicht aus eigene kapitalistische Interessen, und den national-dänischen Stimmungen wertvolle Stütze leihen, während doch ein Kern der jüdischen Bürgerschaft konservativ gesinnt ist — solange werden die gesamten Verkehrs-, Beamtenwerbungs- und Kaufmannsronkurrenz- Schwierigkeiten nicht in Antisemitismus ausarten, höchstens als kleinere oder größere Neckereien, Karikaturzeichnungen und verhüllte Hetzereien, die zum Mißlingen vorausbestimmt, verklingen. Nichts deutet darauf, daß diese Bedingungen nicht sortdauern werden, aber vergessen ist die Eigenart nicht, und der vollkommene Friede kann verschwinden. Doch wird der Dänenname nie den jüdischen Mitbürgern geraubt werden. — Y. Und die Juden von Dänemark vergessen ihre Eigenart nicht selbst. — Vor 60 Jahren wirkte in seiner vollen Kraft einer unserer allergrößten dänischen Schriftsteller, der in der dänischen Sprachkunst bisher unübertroffene, von sehr wenigen erreichte Prosaist Go ldschmidt, dessen Bücher die wunderbare Gabe der allmählichen Verjüngung zeigen. Der war ein Jude, und sein erstes Buch war ein Verzweiflungsruf über die Tatsache, daß nicht nur die christlichen Mitbürger, sondern die Juden selbst eine bestimmte Eigenart im jüdischen Wesen merken mußten, wie dänisch suhlend sie auch find. Am tiessten dänisch-national gesinnt, wie er war, warf er sich in die Politik, war Zeitungsherausgeber, wurde unter Zensur gesetzt (es war vor der Zeit der „Verfassung"), verhaftet nsw. ganz wie die andern politischen Dänen dieser Periode. Als er 'eines Tages das Wort in einer großen Volksversammlung nahm, hörte er von einer'Seite, von der es nicht zu erwarten war, eine taktlose Bemerkung über sein