Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 4 (April 1903)
- Article
- Jüdische Dänen
- Date
- 1903-04-01
- Page
- 274 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2316602-2316701-2316706-2331312--10914-2331387- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
274 Im deutschen Reich. intimer zu verkehren. Dies schließt jedoch nirgends die vollkommenste Höflichkeit im Verkehre aus; die kleingeistige Ueberlegenheit, die bubenhafte Unverschämtheit ist total ungekannt und ihr würde von jüdischen und christlichen Gebildeten, Arbeitern, Bauern mit vereinten Kräften entgegengearbeitet, sie würde gehemmt, ganz verhindert werden. Im großen Ganzen wird beinahe nur in den künstlerischen, wissenschaftlichen, teilweise politischen Kreisen überhaupt kein Unterschied gemacht; doch gibt es etliche Beamtenkreise, wo der Unterschied auch nicht gemerkt wird. Und von eigentlichem Antisemitismus ist nie die Rede. Ferner sind die Juden zwar gesetzlich berechtigt, werden auch praktisch zu großen Beamtenstellungen gehoben. Aber es kann natürlich der Aufmerksamkeit nicht entgehen, wenn eine verhältnismäßig große Zahl der jüdischen Mitbürger in der Konkurrenz mit ihren christlichen Mitbewerbern obsiegt. Und in den Ecken wird dann gemurrt „wieder ein Jude, natürlich"; vergessen wird die Abstammung jedenfalls nicht, und sollte die Beförderung der jüdischen Beamten mir derselben Raschheit wie jetzt fortgehen, würde ich es nicht für unmöglich halten, daß mit einer Aenderung der politischen Strömung auch eine Aenderung in dieser günstigen Stellung eintreten wird. Bis jetzt ist die Tüchtigkeit der höchstgestellten Juden so deutlich gewesen, dcch ein Einwand in dieser Beziehung nicht hat gemacht werden können; mit dem ersten Fehlgriff in dieser Beziehung würde aber ein wahres Unglück geschehen sein. Endlich sind ja viele der jüdischen Kaufleute reich und ohne alle Parvenutypen sind wir auch nicht gewesen. Darüber braucht man nicht viele Worte zu sprechen. Daß alles dieses keinen Antisemitismus erweckt hat, beruht auf bestimmten Ursachen, deren Wirkungen allerdings in Zeit und Umständen begrenzt ist. Die jüdischen Politiker, sowohl im Staate wie in der Kommune, sind immer als die Alliirten der Unterklassen, Arbeiter und Bauern, ausgetreten, und in den nationalen Fragen hat sich besonders Georg Brandes als ultranational, doch ohne Chauvinismus, bewiesen. Damit sind die beiden furchtbarsten Waffen der Jndenhetzereien den etwaigen Wühlern im Voraus aus den Händen geschlagen. Antikapitalistische Bewegungen haben nicht antijüdisch werden können, weil in Arbeitskonflikten die jüdischen Politiker — teilweise selbst Kapitalisten — auf der Seite der Arbeiter standen; in der bei weitem größten Arbeiterkrisis, die Dänemark erlebt hat, der General- Lockout vor 3 Jahren, waren von den drei Mitbürgern, welche den Streit beilegten und dafür die Verdienstmedaille in Gold vom König erhielten, zwei jüdische Männer. Und der Nationalismus kann'gegen