Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 4 (April 1903)
- Article
- Jüdische Dänen
- Date
- 1903-04-01
- Page
- 268 (sequence 4)
- Language
- German
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288 Im deutschen Reich. Gemeinde geboren sind, haben 5 sich mit Christen verheiratet, und doch ist nur 1, eine Cousine, selbst Christin geworden (später mit einem Juden in zweiter Ehe verheiratet). Und doch war mein Großvater väterlicher Seite ein hervorragendes Mitglied der Gemeinde, in den Häusern zweier seiner Nachkommen wird streng koscher gehaushaltet, mehrere Mitglieder meiner Familie müssen als orthodoxe Mosaiken, teilweise ganz streng zeremonielle sogar, betrachtet werden. Eine Cousine, selbst als Christin geboren, ist mit einem hochpietistischen christlichen Priester verheiratet, ihre Mutter blieb aber bis zu ihrem Tode Jüdin: der Priester betrachtet mich natürlich als einen armen verlorenen Sünder, nicht anders aber betrachtet er seine eigenen Schwäger und Schwägerinnen, welche „laue" Christen sind, und nimmermehr würde ihm der Gedanke kommen, daß ich nicht zur Familie gehören sollte oder kein rechter Däne sei. Unter uns Geschwistern, Vettern und Cousinen kommt die Rede überhaupt nicht darauf. Und wie ich es in meiner eigenen Familie sehe, kann ich es in den meisten, den Kreisen der höheren Bourgeoisie angehörenden Familien beobachten. Es giebt natürlich sowohl christliche Familien, wo es nicht eben als ein Glück betrachtet wird, wenn ein Sohn oder eine Tochter sich mit einer Jüdin oder einem Juden verlobt — der Widerwillen ist aber meist konfessionell und wird gegen einen Katholiken mit derselben Stärke gezeigt — als auch jüdische Eltern, die es als Unglück empfinden, wenn eine Mischehe in der Familie geschlossen wird. Daß es dem hochbegabten und hochangesehenen Oberrabbiner Dr. Simonsen, welcher sich Neujahr J 903 vom Amte znrückzog. auch sehr nahe ans Herz geht, wenn gemischte Ehen eingegangen werden, ist selbstverständlich. Auf der anderen Seite kann er nicht blind dafür sein, daß diese geborenen Gememdew.itglieder, welche also eine jüdische Familie nicht ftiften, doch selbst ihr lebelang in der Gemeinde bleiben, die Kosten derselben mittragen, deren Armen nicht vergessen und ihren Kindern Ehrfurcht und Pietät für die angestammte Religion einflößen. Von zwei der abscheulichsten Züge vieler modernen. Völkerschaften sind wir dadurch auch in Dänemark fast ausnahmsfrei verschont gewesen: wir kennen den jüdischgeborenen und von Juden stammenden Antisemiten nicht, und die Konversionen um des Geldes oder der Ehre willen sind so gut wie ungekanut. Ein großes Verdienst um die guten Beziehungen zwischen den Konfessionen hat sich unser Oberrabbiner erworben, und daß er sich jetzt in seinem besten Alter zurückzieht — vielleicht nicht ohne Verbindung mit den wachsenden Mischehen — chebt für viele Anlaß zu Besorgnissen, besonders, weil sein Nachfolger jedenfalls kein Däne sein wird.