Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 3 (März 1903)
- Article
- J. Loewenberg [Rezension]
- Date
- 1903-03-01
- Page
- 257 (sequence 4)
- Language
- German
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Bücherschau. 257 ~e verkehrt, wenn sie heute in roher Jagdlust das „Freiwild" Hetzen. Nichts ist ihnen heilig, nicht der Alte, der im heiligen Krieg um des teiches Einheit seinen Sohn dahingab, dem im bitteren Gram die Mutter folgte: Bei Metz ist er gefallen, er stritt in erster Reih', Nicht frug des Feindes Kugel, ob er ein Jude sei. Man hat den ToLeswunden noch mit dem Kreuz geschmückt, Sie haben's dann uns Alten zum Trost hierhergeschickt. Nun packt mich bittrer Zweifel, wofür denn stritt mein Kind, Wenn wir noch stets als Fremde verfehmt, geächtet sind? Doch auch nicht die Kinderseele, der schon in der Schule das Heiligste, das Vertrauen vergiftet wird. Das ist feige: Mann gegen Mann! ist auch der Kamps nicht gleich, Mann gegen Kind das ist ein schlechter Streich! Ja, ruft der Dichter den Verfolgern zu: Uebt strenge Kritik an unfern Fehlern, unserm Verschulden. Aber gönnt uns Zeit und Ruhe, uns Zu gewöhnen in der Freiheit, die ihr uns die Jahrhunderte hindurch so grausam vorenthalten. Gedenkt, daß Ihr in euren Schulen und Kirchen, in euren heiligen Schriften und Liedern immer wieder das auserwählte Volk preist, daß dort der Semitenname kein geächteter ist, sondern Träger reicher Gaben für die Entwickelung eures Geistes und Gemüths. — Und was sieht das Auge des Dichters dafür als Gegenbild, als Lohn? Die armen „Ausgewiesenen". Der Gedichtscyklus, der diese Ueberschrist trägt, ist mit das Ergreifendste und Zugleich Gegenständlichste der ganzen Sammlung. Kein Wunder! Der Hamburger Hafen bot dem Dichter nur zu oft Gelegenheit, der Schicksale Herbstes mit blutendem Herzen zu erschauen, aus der Heimath vertrieben zu werden. Und wenn die Führer des Volks dazu schweigen, so ist es ihm ein linder Trost für die Zukunft, daß das arbeitende Volk nicht Teil hat an dieser Ungerechtigkeit; daß es in gesundem Sinn sein Mitgefühl dem Pariaschicksal der ' Elenden nicht versagt. (Euch klag ich an" — „Ein Trost"). Der Dichter richtet aber auch wuchtige Anklage an diejenigen seiner Glaubensgenossen, die um eitler Vorteile willen, nicht allein „in der Wahrbeit Pflicht", die Religion ihrer Väter verriethen: Nicht daß der Väter ihr vergessen, Daß anderes Bündnis ihr gewählt! Nein, daß wir jemals auch besessen, Das ist es, was uns schmerzt und quält!