Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 3 (März 1903)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1903-03-01
- Page
- 222 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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222 Im deutschen Reich. Levi, dem italienischen Staatsmann Luzatti und Rudyard Kipling zu befassen — der letztere ist, beiläufig bemerkt, gar nicht jüdischer Herkunft —, hätte es viel näher gelegen, doch einmal die Frage zu untersuchen, welchen Einfluß und welche Bedeutung Männer jüdischer Abstammung in der konservativen Partei erlangt haben. Es würde dann zu interessanten Ergebnissen und vielleicht auch zu einem unbefangenen Urteil über diesen Einfluß gekommen sein. Talentvolle Männer jüdischer Abstammung finden wir in allen Parteien; in keiner aber haben sie eine so große Bedeutung erlangt wie in der konservativen. Wenn aus den Wirren, unter denen sich der Uebergang des alten Preußens in das neue vollzog, sich eine konservative Partet mit einem politischen Programm auch bei uns aufrichten konnte, so ist das das Verdienst eines ehemaligen Juden gewesen, der obendrein aus Süddeutschland, aus Bayern gekommen war, des Professors Stahl. Die konservative Partei hat das auch selbst dankbar anerkannt, indem sie eine bleibende Erinnerung an ihn geschaffen hat. Seine Büste ist noch heute neben der des Fürsten Bismarck im Sitzungssaal des Herrenhauses ausgestellt. Aber auch später und heute noch können wir Männer jüdischer Herkunst in den Reihen der Konservativen finden. Wir nennen nur die Abgeordneten Simon v. Zastrow, Di*. Hahn, v. Oppenseld, um von denen ganz zu schweigen, die durch Heirat jüdisches Blut in ihren Adern haben. Der frühere Oberverwaltungsgerichtsrat vr. Hahn, der Freund Stöckers, hat überdies auch noch eine große Rolle in der evangelischen Orthodorie gespielt. Die „Kreuz-Zeitung" hätte danach wohl am allerletzten Ursache, von dem „Zersetzenden Einfluß der Juden in der Politik" zu sprechen." Von den Männern jüdischer Abstammung hat tatsächlich die konservative Partei weit mehr Nutzen gezogen als von den „rundschauerlichen" Kreuz-Zeitungs-Männern, die sie Zeitweise mit der Regierung in Konflikte brachten. Daß die jetzigen Bemühungen des Hofpredigers a. D. Stöcker, die antisemitische Bewegung wieder mit Hilfe konservativer Elemente in Fluß zu bringen, glücken werden, ist kaum anzunehmen; wenn ein Erfolg wirklich möglich wäre, so würde er sicher nur den Anhängern der,,Staatsbürger-Ztg.", nicht aber den Konservativen Nutzen bringen. Stöcker selbst hat in einer Versammlung des 5. Berliner Wahlkreises in der „Tonhalle" am 27. Februar erklärt, daß die „Treibereien der Gouvernementalen" seine Agitation lahm gelegt und die konservativen Elemente erst durch die antisemitische Strömung