Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 3 (März 1903)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1903-03-01
- Page
- 220 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2316602-2316701-2316705--10799-2331239- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
220 3m Deutschen Reich. geschafften SLandesvorrechte indirekt wieder volle Geltung erlangen, oder daß gar aus Rücksicht aus künstlich erzeugte und sicher vorübergehende sogenannte „Volksströmungen" die gefährliche Kurpfuscherei der Ausnahmegesetze aufs neue die gesunde Konstitution des deutschen Volkes schädigt. Wer einer Bevölkerungsminderheit angehört, muß es als einen Mißbrauch der Macht der Mehrheit ansehen, wenn diese die für alle Bürger geltenden strengen Strafgesetze als zum Schutze der öffentlichen Ordnung unzureichend erklärt und durch Ausnahmegesetze die Wage der Themis ungleich zu stellen versucht. Deshalb hat der Abg. Lasker einst grundsätzlich gegen das „Jesuitengesetz" gestimmt, und aus demselben Grunde widerstrebt wohl die Mehrheit der deutschen Juden dem Fortbestand dieses mindestens überflüssigen und kaum wirksamen Gesetzes, trotzdem die Jesuiten den Juden wenig Segen gebracht haben. So war es wohl auch nicht Sympathie für die Sozialdemokratie, wenn selbst solche Juden, welche völlig andersgesinnten politischen Parteien angehörten, die Aufhebung des Sozialistengesetzes herbeiwünschten. Selbst für unsere entschiedensten antisemitischen Gegner möchten wir keine Ausnahmegesetze; die bestehenden Gesetze werden gerade für sie am ehesten ausreichen, wenn ihnen nur immer die Möglichkeit benommen wird, durch Hintertüren der strafenden Gerechtigkeit listig zu entschlüpfen. Kennzeichnend für die Denkungsart der Antisemiten ist der Beifall, den ihre Organe, insbesondere die „Kreuz- Zeitung" einer judenfeindlichen Aeußerung des bauernbündlerischen protestantischen Reichstags-Abgeordneten Hilpert gezollt haben. Aus den ihm in einer bayerischen Wählerversammlung gemachten Vorwurf, daß er für Zulassung der Jesuiten gestimmt habe, hat Hilpert nämlich erwidert, so lange man fremde Juden in Deutschland dulde, dürfe man deutsche Christen nicht verbannen. „Herr Hilpert hat damit", bemerkt dazu die „Kreuz-Ztg.", „Tausenden aus der Seele gesprochen. Die Jesuiten sind ja allerdings für viele der Inbegriff aller Bosheit und Schlechtigkeit; sie in ihrer angeblichen staatsgefährlichen Tätigkeit auch wirklich zu beobachten, hat jedoch kaum einer von ihnen Gelegenheit gehabt. Aus der anderen Seite führt uns aber jeder Tag die alle Grundlagen unseres Staatswesens untergrabende Wühlarbeit des Judentums so deutlich vor Augen, daß jemand, der nicht absichtlich den Blick davor verschließt, keinen Augenblick darüber im Zweifel sein kann, von welcher Seite die größere Gefahr droht." Wie jesuitisch! Die heftige antijesuitische Kundgebung des Evangelischen Bundes und die leidenschaftliche Agitation, die jetzt in einzelnen deutschen Landesteilen, besonders auch in dem antisemitisch unterwühlten Königreich -Sachsen