Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 3 (März 1903)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1903-03-01
- Page
- 217 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2316602-2316701-2316705--10796-2331236- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Umschau. 217 Schlüsse des kaiserlichen Briefes enthaltene auffallende Wendung vom „Nimbus des auserwählten Volkes" nur aus dem Grunde mit Begier aufgegriffen, als weil sie darin ein Mittel erblickten, ihren Aerger über den übrigen Teil der Kundgebung besser hinunterzuwürgen. Zu diesem Zwecke haben sie in jene Worte einen Sinn hineingedeutet, welche jene Worte nicht haben oder mindestens nicht unbedingt haben müssen. Die „Jüdische Presse" dürfte das Richtige treffen, wenn sie darüber sagt: „Unserer Meinung nach sollte wohl nur gesagt werden, daß der Kern und Inhalt des Alten Testaments an Erhabenheit und Bedeutung nicht geschmälert wird, wenn durch die Ergebnisse der Forschung und der Ausgrabungen festgesteüt wird, daß Israel diese oder jene feiner Religionslehren, die man bisher ihm allein eigen, nur ihm von Gott geoffenbart glaubte, anderen Völkern entlehnt hat." Woraus es uns als deutsche Juden ankommen muß, das ist nicht der „Nimbus der Auserwählten", sondern die Achtung, auf die wir als gleichberechtigte pflichttreue Staatsbürger gerechten Anspruch zu haben glauben. Diese aber hoffen wir unter der Regierung eines Fürsten zu erringen, welcher die Freiheit der Gedanken und des Gewissens zu schätzen weiß; wir rechnen umsomehr darauf, als die Verhältnisse dazu gebieterisch drängen. In unverkennbarer Uebereinstimmung mit seinem kaiserlichen Herrn hat der Reichskanzler Graf Bülow im Parlament die programmatische Erklärung abgegeben, „der Intoleranz gegenüber dürfen wir und werden wir nicht tolerant sein!" Er hat ferner am 2. März im preußischen Abgeordnetenhause gesagt: „Der konfessionelle Zwiespalt, welcher durch das deutsche Volk geht, nötigt uns, uns ineinander zu schicken und uns miteinander einzurichten. Das ist nur möglich auf dem Boden der Tatsachen, denn Prinzipien sind unversöhnlich. Prinzipielle Gegensätze sollen ausgefochten werden auf geistigem Gebiete mit geistigen Waffen, aber in der Praxis müssen wir trachten miteinander auszukommen." Das ist echte Staatsweisheit und entspricht jener duldsamen Hohenzollern-Politik, durch welche Brandenburg groß geworden ist. Mag Graf Bülow auch bei jenen Worten zunächst nur an den konfessionellen Zwiespalt zwischen Katholiken und Protestanten gedacht haben, seine Worte treffen auch auf die deutsche Bevölkerung jüdischen Glaubens zu, mit der sich infolge ihrer bescheidenen Anspruchslosigkeit wahrlich leicht genug auskommen läßt, weil sie vom Staate niemals „Liebesgaben" fordert und nichts weiter wünscht als gleiches Recht mit ihren andersgläubigen Mitbürgern, hinter welchen sie doch bei gemeinnützigen Bestrebungen auf den