Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 3 (März 1903)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1903-03-01
- Page
- 216 (sequence 2)
- Language
- German
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216 Im deutschen Reich. Non diesem Standpunkte aus erklären sich auch die mannigfachen Kommentare zu diesem Briefe. Die Erläuterungen, welche die strengprotestantischen Blätter zu dem Kaiferbries geliefert haben, lassen bei aller Devotion des Tones deutlich durchblicken, wie peinlich die hinter jenen Organen stehenden Parteien von der vorurteilslosen, kernigen Gesinnung berührt sind, die aus jeder Zeile jenes Schreibens hervorschaut. Die katholische Presse begnügt sich damit, auf die feste Organisation ihrer Kirche zu verweisen, welche wie ein Fels im Meere allen wechselnden Strömungen trotzt. Und die eigentlichen Antisemiten? Sie klammern sich in jämmerlichster Weise, ohne die eigentliche Tendenz des ganzen Schreibens irgendwie zu würdigen, an eine nebensächliche, am Schluffe des Brieses sich vorfindende mißverständliche Wendung vom „Nimbus des auserwählten Volkes", um daraus eine Billigung ihrer judenfeindlichen Tendenzen zu folgern. So sagt das Hamburger antisemitische „Deutsche Blatt" wörtlich: „Hier können wir einmal mit Vergnügen zustimmen: daß viel vom Nimbus des auserwähllten Volkes verloren geht, schadet wirklich nichts. Und wir arbeiten schon lange schwer genug daran, diesen Nimbus zu zerstören. Bei dieser Arbeit können wir Helfer jeder Art, auch unfreiwillige, und wenn sie Kronen tragen, uns gern gefallen lassen." Sehr richtig erkennt also jener Hamburger antisemitische Leitartikler, daß bei jener Aeußerung eines Helfers, den er sich selbst nur widerstrebend, trotzdem er eine Krone trägt, gefallen läßt, die Förderung des Antisemitismus nur eine unfreiwillige gewesen sein könne. Auch die antisemitische „Staatsbürger-Zeitung" befreundet sich schwer mit dem kaiserlichen Schreiben und nur deshalb, weil darin „eine Würdigung des in letzter Zeit so oft schmählich angefeindeten großen deutschen Reformators enthalten ist, nachdem", wie das Antisemitenblatt malitiös hinzufügt, „vor Jahren in Bonn bei Aufzählung der vier größten deutschen Männer der Kaiser an der Stelle Luthers Winfrid Bonifazius genannt hatte." Dieser Haltung der „Staatsbürger-Ztg." entspricht auch ihre kaleidoskopisch wechselnde Stellungnahme dem Professor Delitzsch gegenüber, dessen Aeußerungen über das Alte Testament anfangs von ihr mit großem Behagen ausgenommen wurden, von dem sie aber bald darauf schlankweg behauptete, daß er „auf ein atheistisches Ziel zusteuere und die Fundamente der christlichen Kirche" bedrohe, um sich mit ihm wieder auszusöhnen, nachdem er unter dem Eindruck des kaiserlichen Briefes in dieser Beziehung einen eigentümlichen Rechtfertigungsversuch unternommen hatte. Nicht nur das Organ Bruhns, sondern fast alle antisemitischen Blätter haben die am