Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 3 (März 1903)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1903-03-01
- Page
- 215 (sequence 1)
- Language
- German
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215 dem deutschen Kaiser innewohnende Drang, zu jedem hervorragenden Ereignis im Reiche persönlich Stellung zu nehmen, und in den Widerstreit der Meinungen einzugreifen, erklärt hinreichend jenen an den Admiral Hollmann gerichteten Brief, in welchem der Kaiser der wissenschaftlichen Forschung freien Spielraum bis zu jener Grenze zugesteht, wo sie in das Gebiet der Beziehungen des Menschen zu Gott übergreift. Ueber die Entstehung dieser von tiefer Empfindung zeugenden Kundgebung berichtete der Berliner Korrespondent der „Neuen Züricher Zeitung": „Leute die es wissen können, sagen, die Sache habe den Kaiser außerordentlich bewegt, bis er schließlich im Geiste damit fertig wurde, sich hinsetzte und mehrere Stunden hintereinander in emsiger Arbeit seine Meinungen und Bekenntnisse zu Papier brachte, die dann in Form jenes Briefes an eine Anzahl ihm Näherstehender geschickt wurden." Es ist nicht Sache des Central- Vereins, sich um archäologische Forschungen oder die verschiedenartigen Auffassungen über Ursprung und Charakter der biblischen Schriften zu kümmern und theologische Streitfragen zu erörtern; aber in dieser kaiserlichen Kundgebung liegt doch unverkennbar weit mehr als nur eine Stellungnahme zu einer wissenschaftlichen oder religiösen Frage, so daß man an derselben nicht gleichgiltig vorübergehen kann. Nicht der höchste Bischof der evangelischen Kirche, sondern der Landesherr hat hier ein Bekenntnis abgelegt, und dieses gipfelt nicht nur in dem „Glauben an Einen, Einzigen Gott", sondern auch in den anmutenden Worten: „Religion ist ein Ausfluß des Herzens und Sinnes des Menschen aus seinem Verkehr mit Gott." Damit können sicher die deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens rückhaltloser übereinstimmen als die starren Orthodoxen anderer Bekenntnisse, denn jeder, dem die Religion nicht nur Glaubens-, sondern Herzenssache ist, aoird mit uns auch die Gleichheit und Brüderlichkeit aller Menschen als die höchsten erstrebenswerten Ideale anerkennen müssen.