Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 3 (März 1903)
- Article
- Verblendung
- Date
- 1903-03-01
- Page
- 213 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2316602-2316701-2316705-2331150--10791-2331232- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Verblendung. 213 mußte buchstäblich gefüttert werden. Nach einer Zeit wurde sie äußerlich ruhiger; nur bei den Besuchen der Eltern kehrten die leidenschaftlichen Ausbrüche über das ihr angetane Unrecht wieder. Nachdem es ihr aber klar wurde, daß man sie in unserem Hause wirklich lieb habe, erschloß sich ihr Herz dieser Liebe. Sie verstopfte nicht mehr ihr Ohr Beim Lesen und bei der Verkündung des Wortes Gottes. Eines Tages kam sie zu mir und sagte: Mir ist plötzlich ein Licht aufgegangen. Das süße Evangelium des Sünderheilands hatte ihr Herz besiegt. Sie glaubte nun, daß Jesus von Nazareth der rechte Messias und auch ihr Heiland sei. Jetzt trieb es sie, auch ihren Eltern davon zu sagen, und an einem Besuchstage teilte sie es ihnen in meiner Gegenwart mit. Diese Nachricht überraschte und erschütterte die Eltern. Sie boten ihr Geschenke an, die Mutter bat knieend das Kind, dem Glauben ihrer Väter treu zu bleiben. Da dies nicht half, wurde der Vater wütend, und wohl nur mein Beisein verhinderte tätliche Strafe. Sie wollten ihr Kind sofort mitnehmen und sagten, es solle lieber in Sünde und Schande leben, als ihnen dies antun (Christin werden). Doch das Mädchen blieb fest und unerschütterlich. Die Hausordnung gestattete nicht, am Sonntag Kinder zu entlassen, und so mußten die Eltern es für den nächsten Tag verschieben. Am Abend desselben Tages fand eine Gebetsvereinigung statt, in welchem das liebe Mädchen ein schönes Zeugnis von ihrem Heiland ablegte, die anwesenden Mädchen ermahnte, sich Ihm auszuliefern und treu nachzufolgen, und durch ihre Worte mehrere Seelen dazu brachte, sich diesem großen Heiland zu übergeben. Dann beteten alle für das am andern Tag scheidende Mädchen, daß der Herr sie halten und tragen möge, und sangen ihr zum Schluß das Lied: „Fest und treu wie Daniel." Am andern Tage wurde sie geholt, wobei die Eltern erklärten, sie würden sie in ein Irrenhaus bringen, wenn sie von diesem Glauben nicht lasse. Znm Abschied sangen die Mädchen ihr nochmals das Lied: Bleibe fest wie Daniel, Stehst du auch allein: Wag es treu vor aller Welt, Gottes Kind zü sein. Die Juden baten mich schriftlich, jede Verbindung mit dem Kinde aufzugeben. Daher hörten wir lange nichts mehr von ihr, bis dann eines unserer früheren Kinder, sich als "Freundin und Bekannte der Tochter vorstellend, bei ihren Eltern sich nach ihr erkundigte. Dieselben klagten, daß sie noch eben so verrückt sei wie damals