Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 3 (März 1903)
- Article
- Rückblick auf die zehnjährige Tätigkeit des "Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens"
- Date
- 1903-03-01
- Page
- 207 (sequence 11)
- Language
- German
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Rückblick auf die zehnjährige Tätigkeit rc. 207 Religions wegen Meineide leisten, Christenkinder schlachten und das für die Christen bestimmte Fleisch besudeln, dann haben wir keine Daseinsberechtigung; oder unsere Angreifer begehen eine Sünde und ein Verbrechen, wenn sie uns des religiösen Kannibalismus beschuldigen, und dann muß, aller richterlichen Fehlsprüche ungeachtet, wofern es überhaupt eine Gerechtigkeit auf Erden gibt, uns doch einmal unser Recht werden (Beifall). Wer die Zeitungen der letzten Tage und Wochen gelesen hat, der wird, wenn auch das. jüngste Pückler- Nrteil noch manches Kopfschütteln verursachen mag (Heiterkeit), doch mit Befriedigung dessen inne werden, daß Urteile zum Schutz der jüdischen Religion ergangen sind, welche die Wünsche erfüllen, die wir an die deutschen Gerichte zu stellen berechtigt waren (Beifall). Die Furcht vor dem Strafrichter hat heilsam gewirkt: Der gewalttätige Angriff, die brutale Verleumdung, die sich in der antisemitischen Presse in unverhüllter Schamlosigkeit gegen den einzelnen mit Namen genannten Juden breit machte, sie ist geschwunden; geschwunden ist der Angriff auf die jüdische Religion, das Alte Testament, geschwunden die Behauptung, daß es einen Ritualmord gebe; man wagt das Wort nicht mehr zu sagen (Zuruf: Blutmord). Daß man vom Blutmord spricht, ist eine Anerkennung unseres Wirkens. Soviel über den Rechtsschutz vor Gerichten. Nicht so erfreulich sind unsere Erfolge gegenüber den Verwaltungsbehörden. Die Fülle der Aufgaben läßt auch hier nichts zu wünschen übrig. Es gibt kein Ressort, in dem wir nicht über erlittene Unbill und versagtes Recht zu klagen hätten. Zwar könnte ich auch hier über zahllose kleine Erfolge berichten; aber sie erscheinen mir gering und nicht erwähnenswert gegenüber der Tatsache, daß noch heut große Zweige der Zivilverwaltung und das Heer, die Juden von Amt und Würden ausschließen. Und doch — mag es auch hier noch aüerwärts untröstlich sein, wer wird raten, den Kampf aufzugeben? Man hat uns zum Vorwurf gemacht, daß wir durch die Aufrollung der Parlaments-Debatten über die jüdischen Notare Schaden gestiftet, daß wir dem Minister zu einem lauten Vertrauensvotum verholfen haben. So unerfreulich das Fazit dieser Debatten gewesen ist, mit umso freudigerer Genugtuung erfüllt es mich, daß diese Fragen im preußischen Parlament angeschnitten und erörtert worden find (Sehr richtig!), und mit noch freudigerer Genugtuung würde ich es begrüßen, wenn noch ein paar Jahre lang diese Dinge immer wieder von Neuem angeschnitten würden, selbst auf die Gefahr hin, daß sie dem Minister immer neue Vertrauensvoten einbringen würden. Ich glaube, es wird dem Minister bangen vor solchen Siegen und Ver-