Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 3 (März 1903)
- Article
- Rückblick auf die zehnjährige Tätigkeit des "Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens"
- Date
- 1903-03-01
- Page
- 206 (sequence 10)
- Language
- German
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206 Im deutschen Reich. Worden! Der Vorstand sei verblendet, er kompromittiere und schädige das Judentum; die einsichtigen Juden würden hoffentlich bald sich ins Mittel legen und die Leiter des Vereins veranlassen, sich einer nützlicheren Beschäftigung zuzuwenden (Heiterkeit). Wir haben uns hierdurch nicht beirren lassen und sind den Grundsätzen treu geblieben, die bereits der erste Rechtsschutz-Bericht von 1894, den ich als erster Vorsitzender der Rechtsschutz-Kommission erstattet habe, als unsere Richtschnur proklamierte. Nicht immer und überall, wo die Empfindlichkeit des einzelnen Juden oder der Gesamtheit verletzt wird, nicht bei jedem Mückenstich und Hundegekläff soll nach dem Strafrichter und der Polizei gerufen werden. Da aber, wo unsere Religion beschimpft, die Ehre des Judentums mit Füßen getreten, der Klassenhaß geschürt, zu Gewalttätigkeit aufgereizt ist, da muß, unbekümmert um den Erfolg, der Kampf fort und fort geführt werden, weil Ehre und Selbsterhaltung den Kampf aufzwingen und große, ideale Güter nicht blos des Judentums, sondern des Gesamtvaterlandes in Frage und Gefahr stehen. Sollten wir die Flugblätter ruhig gewähren lassen, welche die Massen fanatisierten und die immer und immer wieder dem Volke einzureden versuchten, daß von Religionswegen die Juden Meineide leisten dürften, Nahrungsmittel zu fälschen und Christenkinder zu schachten hätten? Wehe dem Juden, der unter der Anklage solcher Verbrechen steht und Geschworene zu seinen Richtern hat, denen systematisch das antisemitische Gift jener Flugblätter eingeträuselt ist, die als Wahrheiten hingenommen werden, weil keine Hand und keine Stimme sich dagegen erhoben hat! Wir haben aus dem Mißerfolg nicht das Signal zum Rückzug sondern das zum erneuten Angriff herausgehört. Und hieran haben wir festgehalten, auch als nach wiederholten Mißerfolgen selbst gute und einsichtige Juden uns baten, den Kampf aufzugeben und die Angriffe gegen das Judentum nicht mehr vor das Forum der Gerichte zu ziehen. Das Vertrauen, das wir in die siegende Macht der Gerechtigkeit, in die Unparteilichkeit unserer Behörden, unserer Staatsanwälte und unserer Gerichte gesetzt haben, ist, Gott sei -es gedankt, nicht getäuscht worden. Wie hätte es auch anders sein sollen? Ja, wenn wir geglaubt hätten, daß nicht unzutreffende Auffassungen und falsche Vorurteile vom Wesen des Judentums, sondern der böse Wille der Behörden unseren Mißerfolg verschuldet haben, dann hätten wir wohl den Kampf aufgeben sollen; denn auch in der Justiz kämpfen nur gegen den bösen Willen, nicht gegen die mangelnde Erkenntnis selbst Götter vergebens. Wie die Dinge lagen, waren doch nur zwei Auffassungen möglich: Entweder man sagt uns mit Recht und darum ungestraft nach, daß wir von