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Im deutschen Reich · 1903-03-01 · Heft 3 (März 1903) · p. 201

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
9 (1903)
Issue
Heft 3 (März 1903)
Article
Rückblick auf die zehnjährige Tätigkeit des "Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens"
Date
1903-03-01
Page
201 (sequence 5)
Language
German
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Rückblick auf die zehnjährige Tätigkeit re. 201 Antisemitismus sagen. Für die abstrakten Begriffe: Kapitalismus und Industrialismus, Individualismus und alle die Kehrseiten der modernen Wirtschaftsordnung, die sich unangenehm fühlbar machen, hat der einfache Mann, nicht bloß der „dumme Kerl von Wien", sondern auch der von Berlin und Umgegend, kein Verständnis. Aber wenn man den Juden zum Sündenbock der Daseins-Misere macht, das ist dem im Geiste Armen verständlich, das ist einleuchtend. Es wurde so billig, ein teutscher Ehren- und Biedermann zu werden, wenn man nur auf den verfluchten Juden schimpfte, und wer am meisten schimpfen konnte, der kam schließlich ins Parlament (Heiterkeit). Was man noch vor fünfzehn Jahren nicht für möglich gehalten hätte, geschah: in das deutsche Parlament zog ein Mann wie Ahlwardt ein, und schließlich eine ganze Partei, die kein anderes Programm hat, als den Judenhaß: Der Judenhaß ist ihre Losung, der Judenhaß ihr Feldgeschrei. Lesen Sie das Programm ihrer Wortführer, wie es in ihren „Deutschen Volkswarten" und „Hochwarten" und „Hochschauen" und „Bundschuhen" und „Rundschauen" und „Sachsenschauen" verkündet ist: lesen Sie, wie einfach die Judensrage zu lösen ist. Das Vermögen der Juden wird konfisziert; die Juden werden unter Fremdenrecht gestellt: die Einwanderung wird verboten, die Ausweisung wird befördert (Heiterkeit); die Verfassung wird suspendiert, das verhaßte ToleranzgeseH beseitigt. Man sieht, diese Sprache ist offen und ehrlich. Schon im Jahre 1880 fühlt man sich stark genug, zur Verwirklichung dieser Gedanken überzugehen und in einer Petition an den Reichskanzler die Ausschließung der Juden von allen obrigkeitlichen Aemtern zu fordern. Ueber die Petition ist man zwar zur Tagesordnung übergegangen. Der Vizepräsident des preußischen Staatsministeriums hat damals erklärt, daß die Regierung nicht beabsichtige, den bestehenden Rechtszustand zu ändern. Aber die Antisemiten konnten diesen Mißerfolg verwinden. Gewiß! Der Rechtszustand wurde nicht geändert, aber-man frage nicht, was aus dem faktischen Zustand wurde. Was brauchte man die Gesetze zu ändern? Was das Gesetz gab, das konnte die Verwaltung nehmen (Sehrnichtig!) und nahm sie ohne Federstrich. Aus Heer und Verwaltung wurden die Juden geräuschlos beseitigt, in der Justiz zur Rot geduldet, dort aber mit der prozentualen Elle gemessen. Aus den verbrieften Rechten und Anwartschaften machte man inhaltlose Qualifikationen, und die Qualifikationen machte man zu Unfähigkeiten, weil die Verwaltung aus das Volksempsinden Rücksicht zu nehmen habe und das christliche Dolksempfinden den Juden die Fähigkeit absprach, einen Halbzug

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