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Im deutschen Reich · 1903-03-01 · Heft 3 (März 1903) · p. 200

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
9 (1903)
Issue
Heft 3 (März 1903)
Article
Rückblick auf die zehnjährige Tätigkeit des "Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens"
Date
1903-03-01
Page
200 (sequence 4)
Language
German
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200 Im deutschen Reich. liest — ich meine nicht blos ihre Schandpreise, sondern ihre sozusagen anständigeren Blätter und erinnere nur an gewisse Artikel der „Täglichen Rundschau" von ehedem - der findet dort, wie das Alte Testament als der „Träger einer heillosen Geistesverwirrung", die Patriarchen als „Polypen jüdischer Gewissenlosigkeit" gelästert werden; Talmud und Bibel sind in den Kot gezogen, der Talmud das „Statut einer internationalen Räubergesellschaft" genannt, und von dem Judentum ist gesagt worden, daß es nicht eine Religionsgesellschaft sei, sondern eine „internationale verschworene Betrügergesellschaft". (Bewegung.) Das mag heute besser sein —, wem zu Dank, werde ich noch erörtern. Gesagt aber ist es mit unverhüllter Schamlosigkeit. Ich will zugeben: Der Angriff auf die Religion war den Antisemiten nicht Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck. Die gewerbliche Boykottierung der Juden lag ihnen mehr am Herzen, als die Beschimpfung der jüdischen Religion. In Hunderttausenden von Flugblättern wurde der Boykott planmäßig betrieben. „Kaust nicht bei Juden!" war die Losung, wenn das Osterfest, das Pfingstfest, das Weihnachtsfest nahte. Da war kein Staatsanwalt, der Klage erhob, kein Richter, der sühnte. Und so wuchs die Bewegung, wie jede Bewegung wächst, die sich ungezügelt an die Leidenschaften der Menge und die niederen Regungen der Volksseele mit demagogischen Mitteln wendet. Die Bewegung terrorisierte die Regierung. Wagte es der Minister, einen Juden anzustellen, so war er ein Judenfreund; wagte es jemand, ein Wort für die Juden einzulegen, so war er ein Judenknecht, ein Mitglied der Judenschuhtruppe. Eine völlige Umwertung der Begriffe von Gut und Böse trat ein. Das Germanische, das Arische wurde das Gute, das Jüdische war das Böse. Alles, . was Mißfiel im Kampfe ums Dasein, war jüdisch. Schmutz und Pracht, Feigheit und Wagemut, Kapitalismus und Sozialdemokratie, Kritik und Anpassung — alles ist jüdisch, und wenn die Herren Antisemiten sich im eigenen Lager Grobheiten sagten, so nannten sie einander Juden. (Heiterkeit.) Kurz, jüdisch ist die ganze Daseinsmisere. „Die Juden sind unser Unglück!" wetterte Treitschke mit der ganzen Wucht seines Pathos und der ganzen Glut seiner an Haß so reichen Seele, und auf Tivoli, im Eiskeller, in der Tonhalle und auf dem Bock jubelte ihm ein tausendstimmiger Chorus nach: „Juden raus! Die Juden sind unser Unglück!" In Oesterreich ist von Kronawetter das Wort geprägt worden: „Der Antisemitismus ist die Sozialdemokratie des dummen Kerls von Wien",sund man kann, glaube ich, gar nichts Treffenderes aus den

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