Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1903)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1903-02-01
- Page
- 184 (sequence 6)
- Language
- German
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184- Im deutschen Reich. Monaten erfolgte Verurteilungen von Antisemiten bewiesen. Vieles blieb freilich noch zu wünschen übrig, um die gesetzlich verbriefte Gleichberechtigung zu einer Wahrheit zn machen. Dies sei sie nicht, so lange die Verwaltung und das Heer sich den Juden verschlössen. Deshalb gelte es alle geistigen und materiellen Kampfe zusammen zu fassen, um auch hier Erfolge zu erringen. Ein idealer Erfolg sei jedenfalls schon der, daß die Gemeinsamkeit der Abwehrbestrebungen und das Bewußtsein der erfüllten Pflicht das Judentum verinnerliche, die bangen Gemüter erhebe, die Charakter stähle. Abwehr führe zur Kenntnis des Judentums, die Kenntnis zur Treue; die Treue zum Judentum sei nicht unverträglich mit der Treue zum Vaterlande. Schon im frühesten Mittelalter seien die Juden Träger einer großen deutschnationalen Kultur gewesen. Diese Treue hätten wir in den Jahrhunderten besiegelt. Wer uns anrate, unsere Religionsgemeinschaft aufzugeben, versündige sich an der Ethik unserer Geisteshelden, vor allem au der Ethik Goethes: „Ausdauern soll man da, wo einen mehr das Geschick als die Wahl hingestellt". Um die Zukunft des Judentunis brauchten wir nicht bange zu sein. Wenn wir in der Treue ausharren, würden wir stark genug sein, die Gleichberechtigung zu verteidigen oder erst zu erringen. Dem Vortrage, der durch seine Gedankentiefe und lichtvolle Beurteilung der gegenwärtigen Lage der deutschen Juden wie durch seine hinreißende Wärme eine wahrhaft zündende Wirkung auf die ganze Versammlung ausübte, folgte stürmischer Beifall, der sich wiederholt erneute und dem Vortragenden kundgab, wie dankbar es allseitig empfunden wurde, endlich an öffentlicher Stelle einmal ausgesprochen zu hören, was die Herzen von so vielen Tausenden deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens seit Jahrzehnten im Innersten tief erregt. Nach einem von dem Militärmusik-Chor vorgetragenen Orchesterstück erhielt der Vertreter des Vorstandes der jüdischen Gemeinde zu Berlin, Herr Martin Simon, das Wort, welcher es als ein erhebendes Gefühl bezeichnete, das Gefühl der Zusammengehörigkeit der deutschen Juden durch eine Versammlung wie die heutige bekundet und damit erwiesen zu sehen, daß es dem Central-Vereine, welcher dieses Gefühl vorzugsweise wachgerufen und gestärkt habe, gelungen sei, für die große Sache der Gleichberechtigung zahlreiche treue Kämpfer zu gewinnen. Der Vorstand der jüdischen Gemeinde, dessen statutenmäßig begrenzte Tätigkeit auf einem andern Gebiete liege, habe der Wirksamkeit des Central-Vereins von Anfang an die lebhaftesten Sympathien entgegengebracht, nehme an dem Jubelfest desselben den innigsten Anteil und habe ihm den ehrenvollen Auftrag erteilt, bei dieser Ge-