Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1903)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1903-02-01
- Page
- 166 (sequence 11)
- Language
- German
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166 Im deutschen Reich. wenn man die Wahrnehmung macht, wie selbst einzelne liberale Kreise sich zuweilen der so naheüegenden Erkenntnis verschließen, daß der Antisemitismus, sowie er die Maske lüftet, sich als kulturfeindlich, irreligiös und anarchistisch erweist. Um so erfrischender ist es, wenn einzelne freisinnige Christen den Mut haben, den Judenfeinden die Heuchlermaske herabzuzerren und öffentlich zu erklären, daß jene mit Unrecht sich mit einer deutsch - nationalen Gesinnung brüsten, die sie nicht haben und nicht haben können, weil ihr Treiben der deutschen Nation nicht zur Ehre und Zum Segen gereicht. Ehre den charaktervollen Männern, die, wie der Landtagsabgeordneter Barth den Mut haben, es öffentlich auszusprechen, daß sie sich als Christen und Deutsche der antisemitischen Bewegung schämen! Ehre den Männern, die so denken, wie der Kandidat der vereinigten Liberalen im Wahlkreise Rostock'-Doberan, Dr. C. F. Witte, welcher kürzlich in einer liberalen Wahlversammlung öffentlich sagte: „Die ganze antisemitischeBewegung ist für uns Deutsche nichts als eine einzige große Schande. Dieser Antisemitismus widerspricht vollkommen unserem auf Toleranz gestellten Wesen, er ist unduldsam und chauvinistisch, maßlos und ungerecht. Ein liberaler Mann hat mit solchen Anschauungen nichts gemein, und wir wenden uns mit Beschämung ab von solchen Männern, die ihr Deutschtum mit dem Mantel Antisemitismus umgeben zu muffen glauben." Das sind Keulenschläge, deren Geräusch weithin wiedertönt; es ist nicht minder bedeutsam, daß auch andere als liberale Politiker sich von dem Drucke des antisemitischen Terrorismus befreien und sich gelegentlich mit dem Erkenntnis hervorwagen: „Ich bin kein Antisemit!" Als Fürst Radziwill im Deutschen Reichstage am 30. Januar den Versuch machte, die Ablehnung des Provinzial-Schulkoüegiums inbezug auf den hebräischen Unterricht in der Volksschule für die Befürwortung der Duldung des polnischen Unterrichts zu benutzen, leitete er seine Bemerkung mit den Worten: „Ich bin weit entfernt, unfern jüdischen Mitbürgern das Recht verkümmern Zu wollen; ich bin kein Antisemit. Der polnischen Bevölkerung aber, die keine eingewanderte ist, muß ich doch dasselbe Recht vindizieren dürfen, welches die preußische Schulverwaltung ihr systematisch verweigert." Fürst Radziwill hat mit der Bezeichnung der Juden der Ostmarken als „Eingewanderte" immerhin noch dem Antisemitismus eine bedauerliche Konzession gemacht und außerdem ein Gleichnis gebraucht, das wie so manches andere Gleichnis hinkt. Ihm handelt es sich bei der Gestaltung der polnischen Sprache um die Zulassung einer die deutsche Verwaltung beeinträchtigenden Verkehrssprache, das Hebräische ist aber nur-eine